Rolf Pohl: Krise der Männlichkeit.

Die Wichtigkeit des Vaters ist zwar für eine männlich dominierte Gesellschaft folgerichtig mindert aber keines Wegs deren in Fragestellung. Ganz im Gegenteil, es ist zweifellos der wichtige erste Schritt, um diese erfundene Wichtigkeit überwinden zu können, da sie eh nur zur Aufrechterhaltung der willkürlichen männlichen Dominanz dient.

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Pohls Fazit als Zitat:

Kommen wir abschließend noch einmal auf die wichtigsten Topoi der aktuellen Debatten über die Krise des Mannes zurück, dann kann die hier geführte Auseinandersetzung thesenförmig in vier Punkte zusammengefasst werden:

1. Es gibt keine zeitbedingte „Krise der Männlichkeit“, denn Männlichkeit selbst ist
strukturell ein konflikthafter und konfliktsensibler Krisenzustand. D.h.: Die inzwischen
inflationär und mit misogynen Schuldzuweisungen geführte Rede von der aktuellen Krise der Männlichkeit verdeckt, dass es sich bei den vorherrschenden Formen von Männlichkeit in männlich dominierten Kulturen und Gesellschaften grundsätzlich um ein fragiles und krisenhaftes Konstrukt handelt.

2. Zu den inhärenten Merkmalen dieses Konstrukts Männlichkeit gehören nach wie vor
unbewusst verankerte und körperlich eingeschriebene Überlegenheitsansprüche und eine
ambivalente, bis zur Feindseligkeit reichende Weiblichkeitsabwehr. Dies hat insbesondere auf dem Feld der normierten (Hetero-)Sexualität eine unlösbare Zwangslage zwischen
Autonomiewunsch und Abhängigkeitsangst zur Folge, die als „Männlichkeitsdilemma“
bezeichnet werden kann und die eine der wichtigsten Quellen von sexueller und nichtsexueller Gewalt als Mittel der Wiederherstellung einer aus den Fugen geratenen „intakten“ Männlichkeit darstellt.

3. Die wichtigen Fortschritte in der Frauen-, Gleichstellungs- und Geschlechterpolitik
sind Ausdruck einer bloß „rhetorischen Modernisierung“ (Wetterer 2003), solange die
grundlegenden Asymmetrien in einer weiterhin geschlechterhierarchischen Gesellschaft
geleugnet oder verschleiert werden. Ein männlicher Krisendiskurs, der diese Tatsache
ignoriert oder essentialistisch umdeutet ist ein entkontextualisiertes, und damit scheinheiliges Gerede, mit dem „der“ Mann larmoyant zum beklagenswerten Opfer der als „feminisiert“ angeprangerten Verhältnisse stilisiert wird.

4. Die Rede von der „Krise der Männlichkeit“ ist eine rückwärtsgewandte Reaktion auf
die marktradikale Verschärfung des gesellschaftlichen Krisengeländes und enthält hohe
projektive Anteile. Das bedeutet: Die Krise erscheint in vielen einschlägigen Diskursen als
Folge einer die Männer pauschal diffamierenden, vor allem aber die Jungen und Väter
einseitig vernachlässigenden Frauenpolitik und Mädchenförderung und kann, zugespitzt, als Backlash, als antifeminine und antifeministische Gegenbewegung im Rahmen einer
allgemeinen Re-Maskulinisierung der Gesellschaft interpretiert werden.

Um es abschließend noch einmal zu betonen: Die hier skizzierte Struktur und Entwicklung
eines grundlegenden Männlichkeitsdilemmas ist keine anthropologische Tatsache und damit kein unausweichliches Schicksal, sondern Ausdruck der Kontinuität gesellschaftlicher, wenn auch modernisierter Geschlechterarrangements. Eine wirksame, auch für die Konstitution der männlichen Subjektivität folgenreiche Gegenstrategie müsste grundsätzlich das Ziel einer „nicht auf Abwertung [der Weiblichkeit, R.P.] beruhenden Ausbildung der männlichen Geschlechtsidentität“ verfolgen (Pech 2002, 43). Nach der Grundidee in Jessica Benjamins paradigmatischem Anerkennungs-Modell scheint eine halbwegs gelungene Befriedung des Geschlechterverhältnisses prinzipiell möglich, ohne die Spannungen des Gegengeschlechtlichen grundsätzlich aufzugeben bzw. die Differenzen insgesamt durch Dekonstruktion aufzulösen (Benjamin 1995; vgl. Schmauch 2005, 39).

Siehe auch Rolf Pohl: Feindbild Frau

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Über lucia

Anarchistische Feministin: Ein gleichberechtigtes menschenwürdiges Leben in Freiheit, ist für mich nur dann möglich, wenn es nichts mehr gibt, das über andere bestimmen kann.
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