Die unendliche Langsamkeit des Begreifens.

In männlich dominierten Gesellschaften herrscht seit Jahrtausenden die Weltanschauung Heteronormativität mit ihrer sexuellen Norm Heterosexualität. Als hierarchisches Ordnungsmuster strukturiert Heteronormativität gesellschaftliche Institutionen und soziales Handeln. „Hetero“ meint ein binäres Geschlechtersystem, das zwei – und nur zwei – Geschlechter, ein Männliches und ein Weibliches, polar, komplementär und hierarchisch aufeinander bezieht.

„Normativität“ verweist auf die soziale Konstruktion dieser Ordnung durch eine gesellschaftliche Norm, die Heterosexualität als einzig vorstellbare soziale Wirklichkeit institutionalisiert. Das hat dazu geführt, dass dieses willkürlich erfundene Konstrukt, wie ein unveränderbares Naturgesetz verinnerlicht wurde. Offenbar so stark, sodass die heutzutage nicht mehr zu leugnende Existenz von Homosexualität, aber auch Trans-, Bi-, A- oder Intersexualität daran nur schleppend etwas ändern kann.

Die Auffälligkeit eines Zwangscharachters kann eigentlich nicht übersehen werden, weil er sich vor allem nur auf körperliche Geschlechtsmerkmale, Geschlechtsidentität und sexuelles Begehren in einer heterosexuellen Matrix in spezifischer Weise aufeinander bezieht. Und nur dieses gehört zum Kernbestand des Alltagswissens in modernen Gesellschaften. In Verbindung mit der heterosexuellen Matrix als unbewusste, stillschweigende Annahme über die geschlechtliche und heterosexuelle Eindeutigkeit des Gegenübers strukturieren sie soziale Interaktionen – Doing Gender – und reduzieren somit die Komplexität der real vorhandenen Vielfalt.

Nichtsdestotrotz wird weiterhin so getan, als ob sich jeder sowohl sexuell als auch individuell selbst verwirklicht hat. Anscheinend ist es für die Mehrheit höllisch schmerzhaft, der Tatsache ins Auge zu schauen, dass ihre individuelle Selbstverwirklichung nur einer tradierten Norm entspricht.
Oder anders: Sie entsprechen einer genormten Massenware.

Das Folgende habe ich letztes Jahr im November gebloggt:

Ob jeder das Gefühl kennt, dass es zu langsam mit dem Fortschritt der Gesellschaft weiter geht, weil man bis an den Hüften in einem Tümpel voll mit unerledigtem gesellschaftspolitischen Problempudding steht und das angestrebte Ziel noch nicht mal am Horizont zu sehen ist, weiß ich nicht. Ich kenn es jedenfalls, und heute empfinde ich es mal wieder so. Das macht mich traurig und wütend gleichzeitig. Letzteres für mich selbst zum Glück, weil es verhindert, dass ich in Traurigkeit versinke.

Für andere weniger, um nicht gleich zu sagen, für den Rest der Welt, weil ich dann alles was mir gerade einfällt jedem wütend um die Ohren haue. Ich weiß, dass das sowohl an meinem Temperament liegt als auch, dass ich schlussendlich mit Einsteins Worten resümieren werde: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher“.

Und wie es dann meistens so kommt, finde ich dafür auch prompt aktuelle Aufhänger. Heute ist es ein Artikel über Geschlechterstereotypen im Der Tagesspiegel, der mich an die unzähligen Teenie Blogs über Mode, Make up und anderen Schwachsinn erinnert.

Weil der Artikel ziemlich lang ist, nehme ich mein nur kurzes Resümee vorweg, denn mehr fällt mir dazu nicht ein: Wenn Eltern nicht mehr als ihre Dummheit ihren Kindern vererben, dann braucht man sich nicht darüber wundern, dass sich alles, wenn überhaupt, nur im Schneckentempo verändert.

Fazit:
Verändert hat sich daran bis heute so gut wie nichts. Das liegt aber nicht nur daran, dass die überfällige Emanzipation der Männer weiter auf sich warten lässt, sondern auch daran, dass Frauen nicht gewillt sind, auf ihre Privilegien zu verzichten, die sie durch ihre Partizipierung mit dem männlich dominierten System bekommen haben.

Etwas mehr vom Kuchen abzubekommen, kann aber nicht das Motto sein, das ändert nämlich nicht nur nix sondern erhält vor allem auch noch das bestehende System.
Wie lange es dauert, bis begriffen wird, dass ein System nicht innerhalb desselbigen verändert werden kann, weil es das System an sich nicht verändert, ist wohl noch hinter einem der unzähligen Sterne des Universums verborgen.

Sind ausreichend leistungsstarke Ferngläser irgendwo billig zu bekommen?

Über lucia

Anarchistische Feministin: Ein gleichberechtigtes menschenwürdiges Leben in Freiheit, ist für mich nur dann möglich, wenn es nichts mehr gibt, das über andere bestimmen kann.
Dieser Beitrag wurde unter gesellschaft abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Die unendliche Langsamkeit des Begreifens.

  1. stefan schreibt:

    Hallo Lucia,

    jetzt habe ich Deinen Text dreimal gelesen, und das Problem immer noch nicht verstanden.

    Wer unterdrückt Dich in Deiner Sexualität?

    Die heterosexuelle Matrix ?
    Geschlechtsstereotypen, gibt es die auch für Frauen ?
    Ich dachte immer das wurde erfunden, um Männer besser an der Kandarre zu halten.

    In unserer Gesellschaft gilt doch schon einige Zeit, das das was Erwachsene Menschen aus freien Stücken miteinander tun, keinen was angeht.
    Das mag bei älteren Semestern noch anders sein, aber in Deiner Altersgruppe ist das doch kein Thema mehr.

    Ich bin von den Maskulinisten Seiten aus auf Deinen Blog gestossen, und versteh die ganze Aufregung nicht ganz. Gut einige sind schon sehr frustriert geschrieben, aber sicher nicht schlimmer als Seiten wie Mädchenmannschaft oder Isis blog. Aber sie gehen ein Thema an das eine ernsthafte Debatte verdient, die Fairness zwischen Mann und Frau.

    Im übrigen kann ich mir nicht vorstellen, das der Vergewaltigungsschwachsinn unter der Rubrik Maskulinistenkacke was anderes ist als provokative Trollbeiträge ( von Männern ?)

    So jetzt werde ich mich nochmal durch Deinen anderen Beiträge klicken.
    Aber vermutlich habe ich zu Ihrem Verständnis den falschen Chromosomensatz und die falsche sexuelle Präferenz.

    Folterinstrument Schönheitsideal fand ich ganz interessant.
    Als genetischen Defekt habe ich mich allerdings noch nie empfunden.
    Und ich habe meinen Kindern auch mehr mit ins Leben gegeben, als meine Dummheit.
    Aus meinen Dummheiten können sie eh nichts lernen, nur aus ihren eigenen.

    Grüße Stefan

    • lucia schreibt:

      Wie kommst du denn darauf, dass jemand meine Sexualität unterdrückt? Ich bin außerdem nicht das Thema. Der Artikel bezieht sich auf die herrschende Heteronormativität in der Gesellschaft und die Diskriminierung derer, die dieser Norm nicht entsprechen. Folglich hat das auch nix explizite mit Alter zu tun.

      Maskulisten verwechseln den Feminismus mit denjenigen die die Macht haben. Und das ist nach wie vor die männlich dominierte Gesellschaft bzw. deren politischen Vertreter_innen von denen keiner Feminist_in ist.

      Und dass Frauen dieselben Rechte haben sollten, wie Männer, hat auch nix mit Feminismus zu tun, sondern sollte eigentlich in zivilisierten Ländern selbstverständlich sein. Und genau das, verhindern mehrheitlich Männer. Also müssen sie sich bewegen bzw. emanzipieren. Und die Maskulisten im Besonderen, zumal sie erst mal im realen Leben erscheinen müssen. Mir ist bspw. noch keiner begegnet. Und nur im Web das Maul aufreißen, ist nur Brain fuck.

      Gruß,
      Lucia

Kommentare sind geschlossen.