Nancy Friday „Befreiung zur Lust“

Weibliche Wirklichkeit – Frauen in der Männerwelt

Auch noch heutzutage besteht die wissenschaftliche Grundlage mehrheitlich aus den Forschungsergebnissen männlicher Wissenschaftler. Das hat nicht nur Tradition seit der Antike, sondern liegt auch daran, dass der Frau nicht erlaubt war, zu studieren.
Bspw. war  1900 Johanna Kappes die erste Studentin Deutschlands. Die Reaktion ließ mit dem Leipziger Neurologen Paul Möbius nicht lange auf sich warten, er meinte noch im gleichen Jahr „den physiologischen Schwachsinn des Weibes“ nachweisen, zu können.

Die obskuren Wahnvorstellungen des morphium- und kokainsüchtigen Sigmund Freuds offenbarten sich u.a. im angeblichen Penisneid von Frauen. Nichtsdestotrotz gilt er immer noch als einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Im Grunde genommen müssten die einseitigen wissenschaftlichen Erkenntnisse der männlichen Wissenschaftler um die Erkenntnisse weiblicher Wissenschaftlicher ergänzt werden, denn erst dann würde man der Differenziertheit der Menschen gerecht werden.
Wie bspw. in der Philosophie, wo Philosophinnen einfach vergessen wurden.
Na ja, das kann wohl für alles sowieso vergessen werden.

In der Psychologie entsorgte dann 1973 Nancy Fiday die Behauptung von Psychologen
á la Freud, „das Frauen keine eigenen sexuellen Fantasien haben“ auf die Müllhalde männlicher Besserwisserei. Was heutzutage höchstens Kopfschütteln auslösen würde, war damals die Überzeugung der von Männern dominierten Mainstreampsychologie. Folglich war es eine herbe Niederlage für die angeblich ach so intellektuell überlegenen Männern. Aber diesen arroganten Größenwahnsinn gibt es auch heutzutage noch.

Das folgende Buch erschien 1991 und ist sozusagen der zweite Beweis, dass wir Frauen eigene sexuelle Fantasien haben.  Obwohl 20 Jahre vergangen sind, ist es immer noch aktuell. Tipp an Männer: Kümmert euch um eure Sexualität, sie ist eh Notstandsgebiet, anstatt sich einzubilden, dass ihr uns erklären könntet, wie unsere Sexualtät zu funktionieren hat.

Buch:
Nichts hat sich in den letzten Jahren in unserer Gesellschaft so grundlegend geändert wie die Rolle der Frau, und das nicht nur im Berufsleben, sondern auch in den Partnerbeziehungen. Noch vor zwanzig Jahren wurde von führenden Psychologen bestritten, daß Frauen eigenständige sexuelle Phantasien haben, und Nancy Friday trat 1973 mit ihrem Bestseller »Die sexuellen Phantasien der Frauen« den Gegenbeweis an. Diese Studie war ein Meilenstein auf dem Weg der weiblichen Identitätsfindung und prägte eine ganze Generation: Heute greift Nancy Friday das Thema wieder auf, denn die Töchter jener Frauen, deren Bekenntnisse das Basismaterial für ihr erstes Buch lieferten, haben die Schuldgefühle der Mütter längst abgeworfen. Selbstbewußt halten diese Frauen sexuelle Phantasien für eine natürliche Bereicherung ihres Lebens. Wie schon in ihrer ersten Studie läßt Nancy Friday über weite Strecken ihres neuen Buches die Frauen selbst sprechen und erzählen. Die fordernde Offenheit der Frauen, die in diesem Buch zu Wort kommen, ihr Mut, sich selbst zum Mittelpunkt ihrer Gefühle zu machen, wird nicht nur viele Männer überraschen.

Autorin:
Nancy Friday, geboren 1937, hat mit ihren Büchern zu speziell weiblichen Themenkomplexen weltweit großes Aufsehen erregt. Der internationale Durchbruch gelang ihr mit »Wie meine Mutter« (dt. 1979), vorher hatte sie aber bereits eine bahnbrechende Studie über die sexuellen Phantasien von Frauen veröffentlicht (dt. 1980). Danach verfaßte sie eine Studie über sexuelle Phantasien von Männern (dt. 1983) sowie ein Buch über Eifersucht (dt. 1986). Die Autorin lebt in New York und Key West, Florida.

Auszüge aus Teil 1 und 2

TEIL I – Bericht aus der erotischen Innenwelt

Es ist ein komisches Gefühl, heute über Sexualität zu schreiben. Ein ganz anderes Gefühl jedenfalls als in den sechziger oder siebziger Jahren, als die Luft vor sexueller Neugier vibrierte, als das Leben der Frauen sich mit rasanter Geschwindigkeit veränderte und die Erforschung der weiblichen Sexualität ungefähr den gleichen hohen Stellenwert hatte wie die Forderung nach ökonomischer Gleichstellung.

Heute ist das sexuelle Klima nüchtern. Die lebhaften Debatten und die Veröffentlichungen über die Sexualität als Teil des menschlichen Daseins sind verebbt. Die AIDS-Opfer, die Berichte von der Abtreibungsfront und die alarmierende Zunahme ungewollter Schwangerschaften lassen Sex heute eher als Risiko denn als Vergnügen erscheinen.

Allein durch ihre große Zahl hatten junge Frauen und Männer vor zwanzig Jahren die Sexualität zu einer brennenden Frage erhoben; später aber, als es an der Zeit war, sich »ernsthafteren« Dingen zuzuwenden, legten sie die sexuelle Revolution ad acta. Heute geben ihre verkniffenen Gesichter zu verstehen, daß sie vor zwanzig Jahren übertrieben haben. Wie ein braves Kind bestraft sich das Establishment jetzt für die ungezogenen Exzesse früherer Zeiten und kehrt der Sexualität selbstgerecht den Rücken. Da es noch immer die Mehrheit stellt, die Regeln bestimmt und die Schlagzeilen macht, nehmen seine Mitglieder an, daß sie für die Allgemeinheit sprächen.

Sie wissen wenig über die Frauen in diesem Buch.
Diese Frauen sind meist zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt und gehören zu der Generation von Frauen, die auf die sexuelle Revolution und den ersten Aufschwung der Frauenbewegung folgte. Sie klingen wie eine neue Spezies von Frauen, verglichen mit denen, die sich in „Die sexuellen Phantasien der Frauen“ geäußert haben, meinem ersten Buch zu diesem Thema, das 1973 erschienen ist und mittlerweile in Amerika die 29. Auflage erreicht hat. Sie alle haben dieses erste Buch gelesen, daraus Mut geschöpft und ihre sexuellen Phantasien als eine natürliche Bereicherung ihres Lebens akzeptiert. Wie könnte es auch anders sein, sind sie doch in einer einzigartigen Periode der Geschichte der Frauen aufgewachsen.

Für sie sind die explosiven Gefühle, die wir in den siebziger Jahren ausgelöst haben, nämlich noch immer sehr lebendig. Es hat nie einen sexuellen Hiatus, eine Periode der Abkühlung, gegeben. Die Sexualität ist ein fester Bestandteil des menschlichen Lebens; sie läßt sich nicht zugunsten »wichtigerer Dinge« zurückstellen. Die sexuellen Phantasien dieser Frauen zeigen mit verblüffender Deutlichkeit, daß sie nicht bereit sind, irgend etwas aufzugeben.

Wir haben es hier mit einer kollektiven Vorstellungswelt zu tun, die vor zwanzig Jahren nicht möglich gewesen wäre; die Frauen verfügten damals nicht über den notwendigen Wortschatz, sie hatten nicht die innere Freiheit und nicht die gemeinsame Identität, die es ihnen ermöglicht hätte, ihren sexuellen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Jene ersten Stimmen klangen noch zaghaft und waren von Schuldgefühlen geprägt.

Nicht deshalb, weil die Frauen irgendetwas verbrochen hatten, sondern nur, weil sie es wagten, das Unaussprechliche auszusprechen, nämlich daß sie erotische Gedanken hatten, die sie sexuell erregten.

Die Wachträume in „Die sexuellen Phantasien der Frauen“ sind stärker von Schuldgefühlen geprägt als von jeder anderen Emotion. Sie stammen von Hunderten von Frauen, die mit allerlei Tricks versuchten, ihre Angst zu überwinden, daß der Wunsch, zum Orgasmus zu kommen, sie zu »schlechten Mädchen« stempeln könnte. All das spielt sich nur im Kopf ab, in den niemand hineinsehen kann. Aber für das Kind, das in einer symbiotischen Beziehung zur Mutter steht, weiß die Mutter trotzdem Bescheid. Die Tochter mag erwachsen sein und eigene Kinder haben, aber wenn sie sich von der ersten Person, die über sie die totale Kontrolle hatte, emotional nie getrennt hat, wie soll sie dann wissen, was die Meinung ihrer Mutter ist und was ihre eigene? Es war, als würde die Mutter auch weiterhin über das Leben der Tochter zu Gericht sitzen und auf jede sexuelle Regung und Handlung mit erhobenem Zeigefinger reagieren.

Die populärste Schuldvermeidungs-Strategie war die sogenannte Vergewaltigungsphantasie; »sogenannt«, weil in der Phantasie keine eigentliche Vergewaltigung vorkam, weil die Frau weder körperlich verletzt noch erniedrigt wurde. Es mußte lediglich deutlich werden, daß alles gegen ihren Willen geschah. Zu sagen, sie sei »vergewaltigt« worden, war für sie der einfachste Weg, an dem großen Nein zum Sex vorbeizukommen, das ihr von Kindesbeinen an eingeschärft worden war. (Lassen Sie mich hinzufügen, daß die Frauen alle entschieden betonten, daß es sich nicht um unterdrückte Wünsche handelte; ich habe nie eine Frau getroffen, die sagte, daß sie wirklich vergewaltigt werden wolle.)

Anonymität war ebenfalls ein Mittel gegen Schuldgefühle. Die Männer in den damaligen Phantasien waren gesichtslose Fremde, erfunden, um die Frauen noch besser vor einer inneren Beteiligung, Verantwortung und der Möglichkeit einer Beziehung zu schützen. Die Männer machten ihren Job und gingen. Wenn die Frau von einem gesichtslosen Fremden gefickt wurde, war es doppelt klar: »Dieses Vergnügen ist nicht meine Schuld! Ich bin immer noch dein >braves Mädchen<, Mama.« Natürlich sind sexuelle Schuldgefühle ebensowenig verschwunden wie Vergewaltigungs-Phantasien.

Die traditionellen Brutalos und Bö-sewichter, deren hartnäckige Anwesenheit den Frauen hilft, ihr Ziel, den Orgasmus, zu erreichen, haben etwas sehr Fachmännisches und Verläßliches an sich. Die meisten Frauen im vorliegenden Buch nehmen Schuldgefühle jedoch als etwas Gegebenes hin, wie die Gefahr, die von schnellen Autos ausgeht. Schuldgefühle, das haben sie gelernt, kommen von außen, von der Mutter, von der Kirche. Sex kommt von innen und ist ihr gutes Recht. Deshalb müssen die Schuldgefühle beherrscht, gemeistert und so eingesetzt werden, daß sie die Erregung steigern. In heutigen Vergewaltigungs-Phantasien ist es ebenso wahrscheinlich, daß die Frau den Spieß umdreht und den Mann überwältigt und vergewaltigt. So etwas kam in Die sexuellen Phantasien der Frauen einfach noch nicht vor. In der Phantasie liegt der Sexualtrieb mit widerstrebenden Gefühlen im Konflikt, die individuell verschieden sind und aus der Zeit herrühren, als unsere Sexualität erwachte. Was waren das für verbotene Gefühle, als wir heranwuchsen? In diesen neuen Phantasien ist die Handlung am häufigsten von einem Gefühl der Wut diktiert, von dem Wunsch nach Macht und von der Entschlossenheit, die größtmögliche sexuelle Befriedigung zu erlangen. Für Frauen ist es etwas Neues, sich zu ihrer Wut zu bekennen. In der Zeit von Die sexuellen Phantasien der Frauen brachten »anständige« Frauen ihre Wut nicht zum Ausdruck. Sie erstickten daran und richteten sie gegen sich selbst. In der Realität ist es für Frauen noch immer schwierig, Wut zu zeigen.

Das kommt vor allem daher, daß wir das in unserer Beziehung zur Mutter, unserer ersten und wichtigsten Beziehung, nicht üben können. Aber die Frauen von heute wissen wenigstens, daß sie ein Recht darauf haben, wütend zu sein, und die Phantasie ist ein sicheres Spielfeld, wo sie ihre Wut gegen alles zeigen können, das sich ihnen in den Weg stellt – ihre Wut über die ungeheure Schwierigkeit, ein sexuelles Wesen zu sein, und die vielen Dinge, die eine Frau heute sein muß. Die neuen Frauen verfügen über keine fertigen Modelle oder Rezepte. Sie müssen sie selbst erfinden. Eine Möglichkeit, neue Rollen auszuprobieren, sind ihre erotischen Träume. Damit kein Mißverständnis aufkommt: Dies ist nicht nur ein Buch über zornige Frauen. Hier kommen Frauen zu Wort, die endlich gelernt haben, mit der ganzen Bandbreite menschlicher Gefühle, sexueller Vorstellungen und sexueller Sprache umzugehen. Wut ist sowohl in der Realität als auch in der erotischen Vorstellungswelt untrennbar mit Lust verbunden. Auch in den sexuellen Phantasien von Männern liegt die Wut mit der Erotik im Krieg. Männer erfinden vor allem deshalb andere Handlungen als Frauen, weil sie in ihrer Kindheit andere Erfahrungen mit der Frau/Mutter gemacht haben.
Die Wut ist jedoch eine menschliche Emotion, und sie ist, auch wenn uns die Geschichte bis vor kurzem das Gegenteil gelehn hat, nicht auf ein Geschlecht beschränkt. Ich werde diese Frauen nie vergessen, denn sie haben mich mit ihrer Begeisterung mitgerissen und ich habe von ihnen gelernt. »Nimm es!« sagen sie und überwinden unter Einsatz ihrer erotischen Energie alle Hindernisse, die zwischen ihnen und dem Orgasmus stehen. Sie greifen auf das Wissen zurück, das eine frühere Generation von Frauen erworben hat, aber selbst noch nicht umsetzen konnte, weil sie den Tabus noch zu sehr verhaftet war, gegen die sie rebellierte. Die neuen Frauen sehen der Mutter voll ins Gesicht und haben trotzdem ihren Orgasmus. Ich war schon immer der Ansicht, daß unsere erotischen Tagträume die Röntgenbilder unserer sexuellen Seele sind, und wie die Träume der Nacht verändern auch sie sich, wenn neue Personen oder Situationen in unser Leben treten und vor dem primitiven Hintergrund unserer Kindheitserfahrungen durchgespielt werden müssen.

Ein Analytiker sammelt die Träume seiner Patienten wie Goldstücke. Wir sollten unseren erotischen Träumereien nicht weniger Wert beimessen, denn sie sind der komplexe Ausdruck dessen, was wir bewußt begehren und unbewußt fürchten. Sie zu kennen heißt, sich selbst besser zu kennen. Vergleichbar dem Röntgenbild eines gebrochenen Beins, enthüllt eine Phantasie die gesunde Linie des sexuellen Verlangens und zeigt, wo der bewußte Wunsch nach sexuellem Empfinden von einer Angst gebrochen worden ist, so archaisch und drohend, daß ihr Druck unbewußt geworden ist. Als Kinder fürchteten wir, durch unsere sexuellen Regungen die Liebe eines Menschen zu verlieren, von dem unser Leben abhing; das frühe und tief verwurzelte Schuldgefühl entwickelte sich deshalb, weil wir nicht wollten, daß die verbotenen sexuellen Gefühle verschwanden. Nun ist es die Aufgabe der Phantasie, diesen Komplex aus Furcht, Schuld und Angst für uns zu überwinden. In den Charakteren und Handlungen, die wir dabei beschwören, greifen wir das, was am meisten verboten war, auf und wenden es mit der allmächtigen Kraft des Geistes so zu unseren Gunsten, daß wir, wenn auch nur für einen Moment, zum Orgasmus kommen und erlöst werden. Die Frauen, die in diesem Buch zu Wort kommen, machen zum ersten Mal deutlich, daß sich unsere erotischen Phantasien durch die Ereignisse in den letzten Jahren verändert haben; bei ihren Schilderungen handelt es sich nicht um bloße masturbatorische Zerstreuungen, um Derivate von Playboy-Cartoons,, sondern um brillante Einsichten in die Motive des realen Lebens – Schlüssel zu unserer Identität, die genauso wertvoll sind wie die Träume der Nacht.

Dies ist keine wissenschaftliche Arbeit. Ich habe bewußt darauf verzichtet zu promovieren und schon frühzeitig beschlossen, mir die Freiheit der Schriftstellerin zu bewahren. Außerdem war ich schon immer der Überzeugung, daß mir Frauen Dinge erzählen, die sie nach eigenem Bekunden noch keiner Menschenseele erzählt haben, weil ich für sie Nancy bin, und nicht Dr. Friday. Dieses Buch bildet zusammen mit „Die sexuellen Phantasien der Frauen „und seiner Fortsetzung For-bidden Flowers eine einzigartige Chronik der sexuellen Phantasien der Frauen. Bevor „Die sexuellen Phantasien der Frauen“ erschienen, gab es keine Literatur zu dem Thema. Man glaubte, daß Frauen keine sexuellen Phantasien hätten.

TEIL II
Die Unterscheidung zwischen Sex und Liebe: Ein Loblied auf die Masturbation.

Ich habe ein halbes Leben gebraucht und fünf Bücher geschrieben, in denen es immer wenigstens zum Teil um Sexualität geht, bis ich die Rolle schätzen lernte, die die Masturbation in unserem Leben spielt oder spielen könnte, wenn wir mit dieser einfachen privaten Handlung nicht solche Schwierigkeiten hätten.
Dabei handelt es sich um die natürlichste Sache der Welt – mit eigener Hand tun wir etwas mit unseren Genitalien, das uns Freude bereitet, niemandem schadet und der sicherste Sex der Welt ist. Trotzdem fühlen wir uns schuldig wie Diebe, und unser Selbstwertgefühl leidet darunter, anstatt zu wachsen.

Masturbation ist leicht zu erlernen, viel leichter jedenfalls als Geige spielen. Die Hand langt in unserem ersten Lebensjahr automatisch zwischen die Beine. Etwas, jemand schiebt sich jedoch so früh zwischen sie und unsere Genitalien, daß sich die meisten von uns nicht mehr daran erinnern können. Unserem Geist wird eine Botschaft eingehämmert, eine Warnung, die so angstbesetzt ist, daß wir, selbst wenn wir schon lange erwachsen sind, ein zwiespältiges Gefühl haben, wenn wir uns selbst berühren, auch dann noch, wenn wir schon einem Mann erlaubt haben, seinen Penis in uns hineinzustecken und unsere Genitalien anzufassen. Wir tun es vielleicht trotzdem, aber wir müssen bei dem körperlichen Akt einen geistigen Widerstand überwinden – die sanfte Bewegung unserer Finger ist nur dann wirksam, wenn wir unseren Kopf abschalten. Und so schön ein Orgasmus auch sein mag, wir haben nicht das Gefühl gesteigerten Frauseins; wir haben zwar die Schlacht gewonnen, aber unseren Status als »braves Mädchen« verloren.

Die Masturbation wurde zum großen Tabu für Frauen erklärt, weil sie außerhalb einer Beziehung sexuelle Befriedigung verschaffte. Sie ermöglichte ein gewisses Maß an Autonomie, und niemand wollte den Frauen so viel Selbstbestimmung zugestehen.
Die meisten Frauen in diesem Buch sagen, sie hätten keine solchen negativen Gefühle. Sie sprechen mit einer Ungeniertheit über Mastur-bation, die beglückend ist, und sie verfügen über ein verblüffend reichhaltiges Vokabular, wenn sie beschreiben, wann und wie sie masturbieren. Ihre sexuellen Phantasien schwingen sich auf in ein Reich des Abenteuers, neben dem die meisten Träumereien in Die sexuellen Phantasien der Frauen wie zaghafte Versuche erscheinen.

Und das waren sie auch, die frühen Versuche von Frauen, ihre erotische Innenwelt zu schildern. Wie kann eine Frau von heute nachvollziehen, wie schwer es für diese ersten Frauen war zu sprechen, hatten sie doch keine vertrauten Wörter und kein unbefangenes Verhältnis zur Masturbation oder dazu, etwas auszudrücken, das ihnen keine andere Frau zu sagen erlaubt hatte.

Wäre mir damals, als ich für jenes erste Buch recherchierte, der enge Zusammenhang zwischen Masturbation und Phantasie klar gewesen, so wäre es mir vermutlich viel leichter gefallen, die verdrängte Welt der erotischen Tagträume der Frauen aufzudecken. Ich hätte meine Interviews mit einem Faktum begonnen, das immerhin schon bekannt war – über die Hälfte der von Kinsey befragten Frauen hatten zugegeben, daß sie masturbierten -, und dann hätte ich meine Gesprächspartnerinnen gefragt, was in ihrem Kopf vorging, wenn sie sich berührten. Freilich wußte ich damals noch nicht, daß Frauen selten ohne eine Phantasie masturbieren. Ich war einfach noch nicht auf den Gedanken gekommen, daß Frauen sich eher wegen ihrer Gedanken schuldig fühlten als wegen ihres Tuns.

Die Hand, die an die Genitalien faßt, ist nicht die Schuldige. Sie tut vielleicht etwas Verbotenes, aber was sie tut, ist offensichtlich, ist äußerlich. Es ist vielmehr der Geist, den die Geschichte des Sexuallebens birgt, der uns am Orgasmus hindert oder uns befreit. Die Masturbation erhält ihr Feuer, ihr Leben aus den Funken, die der Geist schlägt. Die Finger könnten sich unendlich lange über die Klitoris bewegen, ohne daß es zum Orgasmus kommt. Nur wenn im Kopf das richtige Bild entsteht, ein Szenario, das nur für uns allein sinnvoll und mächtig ist, weil es uns emporträgt, vorbei an aller Angst vor Strafe und in jene verbotene innere Welt, die unsere eigene sexuelle Psyche ist, nur dann kommt es uns.

Nach der Veröffentlichung von „Die sexuellen Phantasien der Frauen“ hörte ich von den Frauen einen bestimmten Satz, der bald zu einem mächtigen Chor anschwoll: »Gott sei dank, haben Sie dieses Buch geschrieben. Ich dachte schon, ich sei ein Monstrum … eine Perverse … die einzige, die erotische Träume hat und sich vorstellt, an verbotenen Orten mit verbotenen Leuten Sex zu haben. Wie schmutzig, wie verworfen muß ich sein, ganz anders als die „braven Mädchen“, die sich nie berühren.« Gegen Ende der siebziger Jahre verklang dieser schuldgeprägte Seufzer der Erleichterung, und immer mehr Frauen begannen, die sich bietenden sexuellen Freiheiten zu nutzen. Natürlich verschwanden die Vergewaltigungs- und Gewaltphantasien nicht, und sie werden es auch nie tun, denn schließlich sind sie eine sprudelnde Quelle des Genusses.

Zu Beginn der achtziger Jahre erschien jedoch ein neuer Frauentyp auf der Bildfläche, der sich nicht mit der von Schuldgefühlen geplagten Frau aus Die sexuellen Phantasien der Frauen identifizierte. »Was waren das für Frauen?« riefen die neuen Frauen. »Ich fühle mich nicht schuldig. Ich liebe meinen Körper. Ich masturbiere, wenn mir danach ist. Ich lege mich unter den laufenden Wasserhahn in die Badewanne oder benutze meinen wundervollen Vibrator oder meine Hand, und während ich dem Orgasmus immer näher komme, stelle ich mir folgendes vor.« Selbst die Stimmen von Männern verblassen neben der Selbstsicherheit einiger dieser Frauen.
Die meisten von ihnen sind Mitte zwanzig. Sie wuchsen in einer Zeit auf, als Frauen mit Überschwang und Begeisterung über Sexualität redeten und schrieben. Auch wenn ihre Mutter sie verbal bestrafte, wenn sie sich berührten, ihnen die Hand über eine offene Flamme hielt oder überhaupt nichts sagte – was oft den meisten Schaden anrichtet -, handelten diese Frauen weiterhin nach der Prämisse, daß ihre Sexualität ihnen allein gehörte. Sie übernahmen vielleicht einen Teil der Schuldgefühle ihrer Mutter, aber die Stimmen, denen sie am eifrigsten lauschten, waren die Stimmen ihrer Zeit, und diese Stimmen sagten, daß ihre Mutter altmodisch und rückständig sei.

Das Gefühl, recht zu haben, ist ein Erbe der siebziger Jahre, in denen die Masturbation aus der Toilette befreit wurde. Im Jahr 1972 wurde die Masturbation von der American Medical Association für »normal« erklärt. Masters und Johnson rühmten sie als Therapie bei sexuellen Störungen. Zum ersten Mal erschienen populärwissenschaftliche Bücher, in denen Frauen nachlesen konnten, daß Masturbieren eine gute Sache sei und wie sie praktiziert wurde. Aus neuen Untersuchungen ging hervor, daß Frauen, die in jungen Jahren masturbiert hatten, beim Geschlechtsverkehr nicht nur leichter zum Orgasmus kamen, sondern auch stärkere Orgasmen hatten.

Ich erinnere mich an eine Frau, die große Leinwände mit Vaginen bemalte und Unterricht in Masturbation gab. Die Vorstellung, daß Frauen in einem Kreis sitzen und ihre Klitoris entdecken, mag heute so verrückt und abwegig anmuten wie die Vorstellung, daß nackte Hippies in Woodstock durch den Regen tanzten, aber dieser Extremismus hat den Boden bereitet, auf dem die Frauen in diesem Buch stehen. Es war eine andere Zeit, und heute kommt es mir so vor, als sei es schon eine Ewigkeit her.

Wie verklemmt und von Schuldkomplexen geschüttelt die Welt doch war, in der wir einst lebten. Und das ist’gar nicht so lange her, jedenfalls nicht so lange, daß wir nicht mehr zu ihr zurückkehren könnten; tatsächlich haben wir bereits damit begonnen. Es liegt eine Sehnsucht in der menschlichen Natur, zu dem zurückzukehren, was uns am bekanntesten und vertrautesten ist, selbst wenn wir wissen, daß es grausam und hart war. So wie mißhandelte Kinder, die neue, liebevolle Eltern gefunden haben, zu ihren alten grausamen Eltern zurückkehren, so halten häufig auch erwachsene Ehepartner an einer katastrophalen Ehe fest, weil Wut und Ressentiments für sie etwas wohltuend Vertrautes geworden sind.

Es ist ungewiß, wieviel von ihrer sexuellen Freiheit die jungen Frauen in diesem Buch behalten werden und wie stark sie sie verinnerlicht haben. Ich würde gerne glauben, daß wir ebensowenig zu jener dumpfen, sexualfeindlichen Welt, in der die Frauen einmal lebten, zurückkehren können, wie es möglich ist, den Frauen ihre Arbeitsstellen wegzunehmen und sie wieder an den Herd zu beordern. Aber letzteres ist ein ökonomisches Problem: Der Arbeitsplatz ist für die meisten Frauen eine Notwendigkeit, und deshalb werden sie ihn behalten.

Die Beschränkungen der weiblichen Sexualität haben ihre Wurzeln in den primitivsten Gesellschaften; die Männer fürchteten die Mysterien der weiblichen Sexualität und die Gebärfähigkeit der Frauen. Im Mittelalter erfanden Männer den Keuschheitsgürtel, um ihre sexuelle Überlegenheit zu sichern. Und um das gewaltige sexuelle Verlangen der Frau – von dem man fürchtete, es sei unersättlich – unter Kontrolle zu halten, verfiel man in manchen Kulturen sogar darauf, Frauen die Klitoris zu entfernen, mit dem Ergebnis, daß die Quelle ihrer sexuellen Lust versiegte und sie zum Eigentum des Mannes wurden.

Eine solche Operation wird als Klitorektomie bezeichnet. Mancherorts hielt man es für notwendig, die Frauen noch stärker zu beschränken (damit die Männer sich desto sicherer fühlen konnten), und entfernte auch die Schamlippen. In bestimmten Gegenden Afrikas und des Nahen Ostens wird die Operation auch heute noch durchgeführt. Viele Frauen, die dort leben, betrachten sich so lange nicht als heiratsfähig, wie sie sich dieser Verstümmelung – die dort als »Beschneidung« bezeichnet wird – nicht unterzogen haben.

Für moderne westliche Menschen mag das verrückt klingen, wie eine Schauergeschichte aus einem Science-fiction. Aber Klitorekto-mien wurden Anfang dieses Jahrhunderts auch in den Vereinigten Staaten vorgenommen. Zur Zeit unserer Großmütter oder Urgroßmütter griffen einige der hervorragendsten und berühmtesten Chirurgen dieses Landes routinemäßig zum Skalpell und entfernten geschickt verschiedene Teile der weiblichen Genitalien, als Therapie gegen Geisteskrankheit, Hysterie und, oh ja, auch aus hygienischen Gründen.

Die Masturbation galt als die Hauptursache dieser weiblichen Störungen, und mit der Entfernung der Klitoris wurde das Problem gewissermaßen an der Wurzel gepackt. Krankenblätter belegen, daß noch in den dreißiger Jahren in gewissen Anstalten für Geisteskranke Klitorektomien durchgeführt wurden.

Mit der Zeit wurden Klitorektomien in diesem Land überflüssig. Die Männer merkten, daß sie gar nichts zu tun brauchten. Die Frauen hatten die Einstellung der Männer zur weiblichen Sexualität so vollständig übernommen, daß sie ihre Bedürfnisse nur noch durch die männliche Brille beurteilten. Keine »anständige Frau« dachte auch nur daran, sich selbst zu berühren und ihre Sexualität zu entdecken. Je asexueller die Frau war, desto anständiger war sie. Mütter unterwiesen ihre Töchter pflichtbewußt in der Kunst der sexuellen Abstinenz. Die Frauen lernten, ihre Genitalien zu verabscheuen. Sex war kein Vergnügen, sondern eine Last.

So war es zur Zeit unserer Mütter oder Großmütter. Das ist noch nicht lange her, überhaupt nicht lange.
Es scheint unmöglich, etwas aus dem Gedächtnis zu streichen und zu vergessen, das man so genau weiß, wie die jungen Frauen in diesem Buch wissen, daß ihr Körper ihnen gehört. Die Feuerprobe kommt, wenn sie heiraten und Regeln für ihre eigenen Kinder aufstellen müssen. In der Ehe tendieren wir dazu, uns zurückzuentwickeln, weil wir mit Bildern konfrontiert werden, wie sich unsere Eltern als Mann und Frau verhalten haben. Bewußt genießen wir es, jene ihrer Eigenschaften zu imitieren, die wir am meisten geliebt haben, unbewußt aber entwickeln wir die Eigenschaften, die wir am wenigsten an ihnen gemocht haben: Wir werden streng, asexuell und sorgen uns darum, was die Nachbarn denken. Wenn wir eigene Kinder haben, eskaliert das alles noch.

Was ist, wenn die Frauen der neuen Generation Kinder bekommen? Werden sie sich dann noch daran erinnern, wie glücklich es sie machte, daß sie über ihr sexuelles Schicksal selbst bestimmen konnten? Werden sie ihre Töchter lehren, ihren Körper zu lieben, ihnen erlauben, zu masturbieren und ihre einzigartige Sexualität zu entdecken? Oder werden sie regredieren und sich einreden, was Generationen wohlmeinender Mütter vor ihnen geglaubt haben, nämlich daß sie ihren Töchtern nur einen Gefallen tun, wenn sie deren Sexualität einschränken?

Wenn wir das Interesse am Sex verlieren und anderen verwehren, was wir früher selbst gern getan haben, reagieren wir nicht nur auf die warnenden Stimmen unserer Eltern; auch unser kulturelles Erbe wirkt hier herein. Unsere Gesellschaft hatte zur Sexualität im allgemeinen und zur Masturbation im besonderen schon immer ein gestörtes Verhältnis. Gewiß, die Frauen in diesem Buch haben als Heranwachsende miterlebt, wie Menschen in der Öffentlichkeit für mehr sexuelle Freiheit eintraten. Doch das sehr reale, tief verwurzelte »Lebensgefühl« in diesem Land, das Wesen und der Charakter der Menschen, ist von der kalvinistischen Arbeitsethik und der ihr eigenen puritanischen Einstellung zur Sexualität geprägt. Und es wäre töricht anzunehmen, daß einige Jahrzehnte größerer sexueller Freizügigkeit und Toleranz genügen, um unser sexualfeindliches Wesen grundlegend zu ändern.

Wir dürfen das nie vergessen, wenn irgendeine Hoffnung bestehen soll, daß diese jungen Frauen ihre Töchter in ein aufgeklärteres Zeitalter führen. Wissen ist Macht.
Und deshalb sollten wir uns auch fragen, warum ausgerechnet der simple Akt der Masturbation so viel Furcht und Strafe nach sich zog.

Lautet die Antwort vielleicht, daß es sich in Wirklichkeit keineswegs um einen so simplen Akt handelt? Ein alter ägyptischer Gott, so der Mythos, masturbiert in seine Hand, nimmt den Samen in den Mund, spuckt ihn aus und schafft damit eine neue Rasse von Menschen. Ein normales menschliches Wesen bringt sich zum Orgasmus und erfährt in diesem einsamen Akt ein Wiederaufleben des eigenen Selbst, ein Hochgefühl der Stärke. Masturbation, ob im Mythos oder in der Realität, ist sexuelle Freiheit.

Offenbar können wir leichter mit dem Wissen leben, daß es anderen wirtschaftlich besser geht, als mit dem Gedanken, daß sie sexuell freier sind. Geld ist Macht und erregt Neid, aber sexuelle Freiheit muß eine noch größere Macht sein, denn die Neider finden erst Ruhe, wenn sie in den intimsten Bereichen des beneideten Menschen herumgeschnüffelt und ihm alles genommen haben, was das unerträgliche Ressentiment verursachte, und er am Ende ebenso leer und asexuell dasteht wie die Neider selbst.

Es ist verständlich, daß Masturbation und sexuelle Phantasien fast gleichzeitig das Prädikat »normal« erhielten. Sie gehen Hand in Hand, diese beiden guten Freunde, und das ist auch der Grund, warum ich beschlossen habe, so ausführlich über Masturbation zu schreiben. Wo das eine ist, ist auch das andere.
Masturbation ohne Phantasie wäre schlicht zu einsam.

Über lucia

Anarchistische Feministin: Ein gleichberechtigtes menschenwürdiges Leben in Freiheit, ist für mich nur dann möglich, wenn es nichts mehr gibt, das über andere bestimmen kann.
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