Susan Pinker – Teil 1: Der codierte Mann.

Manche Eigenarten können Männer nicht ändern, selbst wenn sie es wollten. Ein Gespräch mit der Bestseller-Autorin und Psychologin Susan Pinker über den Mann und seine Natur. Interview: Maxi Leinkauf – Quelle: SZ

Susan Pinker ist in der englischsprachigen jüdischen Gemeinde in Montreal aufgewachsen. Sie studierte an der McGill-Universität und an der Universität Waterloo. Als Psychologin behandelte sie 25 Jahre lang verhaltensauffällige Kinder und beschäftigt sich seither mit der Entwicklung der Geschlechter in verschiedenen Lebensphasen. Ihr Bestseller „Das Geschlechter-Paradox“, der 2008 erschien, erregte weltweites Aufsehen und wurde in mehr als zehn Sprachen übersetzt. Das Buch ist unter dem Titel „Begabte Mädchen, schwierige Jungs“ gerade bei Pantheon als Taschenbuch heraausgekommen. Die 52-Jährige schreibt auch als Kolumnistin für die Zeitung „The Globe and Mail“. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Montreal.

Auch wenn es manche Feministinnen nicht glauben wollen:
Das Wesen des Mannes unterliegt nicht nur kulturellen Einflüssen. SZ: Mrs. Pinker, reden wir über Männer?

Susan Pinker: Oh, ja. Eine schöne Abwechslung.

SZ: Wird man als Mann geboren?

Pinker: Sie spielen auf den berühmten Satz von Simone de Beauvoir an: Man wird nicht als Frau geboren, sondern zu einer gemacht. Als sie ihn Anfang der fünfziger Jahre schrieb, löste er eine Revolution aus. Die Rolle der Frauen sollte neu definiert, ihre Grenzen sollten aufgebrochen werden. Aber das ist lange her und reflektiert die heutige Forschung nicht mehr. Traditionelle Feministinnen glauben noch immer, jeder sei ein weißes Blatt Papier und die Unterschiede der Geschlechter seien nur kulturell bedingt. Aber sie unterschlagen die biologischen Prägungen.

SZ: Das eine geht nicht ohne das andere?

Pinker: Wir sind biologisch vorcodiert. Diese anfänglichen natürlichen Prozesse werden später durch soziale Einflüsse, Umwelt und Normen verstärkt. Jungs und Mädchen unterscheiden sich schon von Geburt an. Ihre Hormone entwickeln sich bereits im dritten Monat der Schwangerschaft. Sobald sie reden können, erzählen Jungs die meiste Zeit aggressive Geschichten, Mädchen dagegen kaum. Jungs, die im Alter von zwei bis vier Jahren eine Aufgabe lösen sollen, wenden doppelt so häufig physische Taktiken an wie Mädchen. Andererseits sind sie in der Kindheit anfälliger für Krankheiten oder Depressionen, weil bei ihnen die XY-Chromosomen nicht doppelt vorhanden sind. Männer sind biologische Spätentwickler.

SZ: Diesen Satz habe ich schon so oft gehört.

Pinker: Verschließen Sie sich doch nicht so. Frauen sind empathischer, also einfühlsamer. Mädchen erkennen bereits im Kindesalter die Gefühlsregungen anderer, sie lassen sich auch leichter davon beeinflussen. Von den ersten Tagen an schauen sie in die Gesichter der anderen und fragen: Was ist los? Wenn ein Baby schreit, fangen Mädchen eher an zu weinen oder sie versuchen eher zu trösten. Diese Reaktion wird von Hormonen wie dem Oxytocin ausgelöst. Dieses Hormon fördert das Mitgefühl und verstärkt das Vertrauen in andere. Frauen schütten es während der Schwangerschaft, bei der Geburt, beim Stillen und – raten Sie mal -… sogar beim Orgasmus aus.

SZ: Gibt es solche Hormone auch bei Männern?

Pinker: Bei Jungs bilden sich schon zeitig männliche Hormone, die ihr Verhalten steuern. Der Kognitionspsychologe Simon Baron-Cohen fand heraus: Je mehr Testosteron vorhanden ist, desto weniger Blickkontakt stellen sie beispielsweise im Alter von einem Jahr her. Desto kleiner ist der Wortschatz als Vierjähriger, desto weniger spielt ein Vorschulkind mit den anderen und desto geringer ist ihr Empathieniveau mit sechs Jahren. Wenn Männer allerdings Oxytocin schnupfen, werden auch sie einfühlsamer.

SZ: Man schnupft es wie Koks?

Pinker: Oxytocin kann per Nasenspray verabreicht werden… Es steigert übrigens auch das sexuelle Verlangen bei Männern. Und es baut Stress ab. Wir haben dieses Hormon für unsere Studien verwendet und herausgefunden, dass Männer plötzlich ihren Konkurrenten viel mehr vertrauten. Das hat mit sozialen Normen wenig zu tun. Haben Sie mal von den schwedischen Eltern gehört, die das Geschlecht ihres Kindes bewusst geheim halten?

SZ: Noch nicht.

Pinker: Es ist zweieinhalb Jahre alt. Sie nennen es Pop. Alle paar Tage ändern sie die Frisur und die Kleidung. Mal trägt es Kleider, mal Hosen…

SZ: …das arme Kind…

Pinker: …ja, furchtbar. Die Eltern begründen es mit der feministischen Philosophie, nach der sie leben: das Geschlecht als eine soziale Konstruktion. Sie möchten, dass ihr Kind ohne diese Stereotypen, hellblau oder rosa, aufwächst. Aber das ist lächerlich. Man kann die Natur eines Kindes nicht ignorieren. Sie werden das Geschlecht nicht lange verbergen können, denn Kinder sind neugierig und suchen ihre Identität schon sehr früh. Trotz aller sozialen Normen, wir können die biologischen Wurzeln nicht leugnen.

SZ: In privaten Gesprächen werden Frauen oft schneller emotional, während Männer analytisch argumentieren. Andererseits gibt es im deutschen Fernsehen immer mehr weibliche Talkshow-Moderatorinnen. Wie passt das zusammen?

Pinker: Es existiert tatsächlich ein Unterschied im Dialog. Frauen argumentieren häufiger emotional, denn bei ihnen ist der Zugang zu emotionalen Erinnerungen und Prozessen im Gehirn stärker. Er befindet sich in beiden Gehirnhälften. Das beeinflusst ihre emotionale Intelligenz. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen – womöglich die Moderatorinnen, von denen Sie reden. Oder sie haben sich das antrainiert. Aber meist sind es die Männer, die analytischer argumentieren. Das heißt nicht, dass sie damit erfolgreicher sind.

SZ: Das heißt?

Pinker: Ich finde die emotionale Seite unerlässlich, sie gehört bei vielen Themen dazu. Erst das Gefühl gibt Gesprächen einen Wert. Ähnlich empfinde ich es in der Kunst: Was wären Literatur, Musik oder Theater ohne das Gefühl, das sie auslösen? Wir müssen diese geschlechterspezifischen Unterschiede in der Kommunikation akzeptieren. Jeder drückt seine Wünsche auf verschiedene Weise aus, nur muss man die Codes entschlüsseln.

SZ: Wie sind Sie eigentlich zu Ihren Thesen gekommen?

Pinker: Als ich Mutter wurde, hat sich meine Wahrnehmung verändert. Plötzlich habe ich verstanden, dass jemand zufriedener sein kann, der weniger verdient und eine niedrigere Stellung besetzt – und dass es keine Gleichheit im biologischen Sinne gibt. Anfangs glaubte ich, dass ich die Kinder bekommen und hinterher so intensiv weiter arbeiten würde wie vorher. Ein Babysitter würde zu uns kommen und ich könnte ruhig zwölf Stunden am Tag schuften. Ein Irrtum! Ich hatte ein starkes Verlangen, mit ihnen zu Hause zu bleiben. Das hat mich irritiert. So entstand auch die Idee für mein Buch.

SZ: „Das Geschlechter-Paradox“ erschien vor einem Jahr und wurde weltweit ein Bestseller. Was ist seither passiert?

Pinker: Mit dem Buch habe ich ein Minenfeld betreten. Vor allem bei euch in Deutschland, wegen angeblicher Ähnlichkeiten meiner Position mit der von Eva Herman…

SZ: Ach, Sie kennen Eva Herman? Die Journalistin hatte in Deutschland eine Polemik ausgelöst, weil sie als Karrierefrau auf einmal die Rückkehr zu traditionellen Geschlechterrollen gefordert hat.

Pinker: Meine deutschen Bekannten hatten mich davor gewarnt, mit ihr gleichgesetzt zu werden. Die Rollen von Männern und Frauen seien so ideologisch besetzt. Aber ich bin gar nicht wie diese Moderatorin. Ihre Haltung ist scheinheilig: Erst macht sie eine große Fernsehkarriere, dann schreibt sie, der Platz der Frau sei ausschließlich bei ihrem Kind, nicht in den Vorstandsetagen. Sonst sei sie eine Rabenmutter. Das ist paradox. Ich bin stolz darauf, dass ich beides hatte: Kinder und eine Karriere.

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Über lucia

Anarchistische Feministin: Ein gleichberechtigtes menschenwürdiges Leben in Freiheit, ist für mich nur dann möglich, wenn es nichts mehr gibt, das über andere bestimmen kann.
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