Feminismus: Kritisch betrachtet…

Gisela Notz, Feminismus. Basiswissen, PapyRossa Verlag,
Darin bemängelt sie fundiert:

Die Frauenbewegung hat sich in akademische Zirkel zurückgezogen. »Genderstudien« füllen Konferenzen und Universitäten. Nach den sozialen und arbeitsmarktpolitischen Problemen der großen Mehrheit der Frauen aber wird kaum gefragt. Außerdem merken hierzulande mehr und mehr Frauen, daß die Rede von gleichen Partizipationschancen kaum mehr als ein leeres Versprechen war.

Transcript:

Feminismus von Gisela Notz.

Vorwort:
Feminis-muß titelten die beiträge zur feministischen theorie und praxis ihr Heft Nr. 35 im Jahre 1993, drei Jahre nach der deutschen Vereinigung. Und sie fragten schon damals, ob sich feministische Theorie und Praxis als ein Relikt der Interessenvertretung, von Mittelschichtsfrauen unter der Schirmherrschaft wohlfahrtsstaatlicher Marktwirtschaften überlebt hatte. Die Antwort auf die zugespitzt formulierte Frage schien ja zu lauten. Denn auch in der selbstkritischen Bestandsaufnahme, die aus dem Heft deutlich wurde, spiegelten sich Einschätzungen wider, aus denen ersichtlich wurde, dass sich feministische Politik angesichts der weltpolitischen Veränderungen durch Ignoranz und Nichtreagieren auszeichnete, im Provinziellen verharrte und sich in vorauseilender Anpassungsbereitschaft ans Machbare, auf die Etablierung und Sicherung von Gleichstellungsstellen, und halb-private Frauenräume beschränkte. Die Regierenden waren auch drei Jahre nach der Wende, vor allem weiße Mittelschichts- und Oberschichtsmänner, und trotz zunehmender Anzahl von Frauen in den Parlamenten funktionierte die Allianz der Männer aller Parteien vorzüglich. Für Feministinnen schien es zwischen dem Fernziel der Systemveränderung, und dem zynischen Mitagieren im System noch keinen Weg zu geben. Dennoch verteidigten Feministinnen die Formaldemokratie, weil sie Minimalbedingungen für den Handlungsspielraum einer autonomen feministischen Opposition bereitstellt.

Und den wollten sie für den antipatriarchalen, antikapitalistischen und antirassistischen Kampf soweit wie möglich nutzen. Über den Einfluss der neu entstandenen ostdeutschen Frauenbewegung waren sie sich noch nicht im klaren, und über die ostdeutsche Frauenbewegung vor der Wende wussten sie zu wenig.

Auch zwanzig Jahre nach der Wende ist das nicht viel anders. So ist auch diese Einführung in den Feminismus im Wesentlichen auf den westlichen Teil der Bundesrepublik bezogen. Der östliche Teil und andere europäische und außereuropäische Länder werden partiell einbezogen. Denn die feministische Bewegung war und ist – so weit sie noch besteht – international. Auch können nicht alle Strömungen und Richtungen, die sich als Feminismus bezeichnen oder als solche bezeichnet werden, dargestellt werden.

Eine Einführung in den Feminismus hat es zu Beginn des einundzwanzigsten Jahr hunderts mit einem vielstimmigen und kontroversen Diskurs zu tun. Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang, Feminismus in seinen emanzipatorischen Potentialen darzustellen, deshalb geht es vor allem um antipatriarchale und gesellschaftsverändernde Konzepte. »Nie mehr Krieg, nie mehr nationales Gegeneinander, Liebe für alle«, diese Parole der Sahng Simonistinnen in der französischen Revolution durchzieht die Geschichte des Feminismus und sie ist heute noch immer aktuell. Angesichts zunehmender Armut und Aus-grenzung, Feindseligkeit gegenüber »Anderen« und Fremden und den »Neuen Kriegen« ist sie sogar aktueller denn je.

Eine umfassende historische und theoretisch-wissenschaftliche oder gar empirische Repräsentativität würde freilich den Rahmen eines solchen Einführungsbandes sprengen.

Zitiere von Seite 8 bis 15

Theorie.

Was ist Feminismus?

Bei dem Begriff Feminismus handelt es sich um einen situativ vieldeutigen Begriff. Feminismus ist ein Sammelbegriff für historische und aktuell sehr unterschiedliche Positionen und Strömungen. Er lässt sich auch aus der Geschichte nicht eindeutig herleiten, denn bereits über seine Entstehung gibt es verschiedene Erzählungen. Die einen leiten ihn vom lateinischen femina, das Weib, die Frau, ab, für die anderen ist er nur ein ideologischer »Ismus« – wie viele andere auch – aus dem 19. Jahrhundert. Es ist ohnehin nicht möglich, von dem Feminismus zu sprechen.

Ebenso wenig, wie es möglich ist von den Frauen als homogene Gruppe mit einheitlichen Interessen zu sprechen. Setzt man sich mit den Kämpfen gegen gesellschaftliche Benachteiligung von Frauen in unterschiedlichen Ländern und Regionen auseinander, von denen auch die Theoriebildungen beeinflusst sind, so wird deutlich, dass wir es mit ganz verschiedenen Feminismen zu tun haben. In jüngster Zeit werden Feminismen wie radikaler, liberaler, Öko, schwarzer, linker, Post, neuer, Cyber, Queerfeminismus oder gar konservativer Feminismus und andere unterschieden, so dass kaum die Rede von Gemeinsamkeiten sein kann.

Die meisten Theorien sehen Frauen nicht in erster Linie als Opfer, sondern vielmehr als Akteurinnen, nicht als Objekte von Bedingungen, sondern als Handelnde. Daher können mit Feminismus die theoretisch-wissenschaftlichen Bemühungen der Frauenbewegung bezeichnet werden, die Diskriminierung des weiblichen Geschlechts als Barriere wissenschaftlicher und praktischer Erkenntnis wahrzunehmen und Handlungsstrategien zu entwickeln, um sie zu überwinden. Feminismus bezeichnet deshalb auch eine Bewegung, die sich für politisch-praktische Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenschancen von Frauen einsetzt und Kampagnen und Aktionen initiiert, um auf die Missstände aufmerksam zu machen und Verbündete zu deren Behebung zu gewinnen.

Das Folgende ist nicht auf dem Video zu hören. (blau)
Begriffsbestimmung.

Der Begriff Feminismus ist vermutlich während der Französischen Revolution entstanden. Aber auch darüber gibt es ebenso verschiedene Berichte wie über seine Bedeutung oder seinen Wortstamm. Nie gab es das »feministische Zentralkomitee«, das hätte verkünden können, was unter Feminismus zu verstehen ist und wer zu den Feministinnen gehört, wer aber nicht. Einige Autorinnen bezeichnen Charles Fourier (1772-1834) als den Vater des Begriffs Feminismus. Das hat einige Berechtigung, wenn man unter Feminismus die »Analyse und Veränderung von Benachteiligung« versteht (Thiessen 2010). Fourier beschäftigte sich mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau. In seinem Werk »Aus der Neuen Liebeswelt« schrieb er beispielsweise: »Die Harmonie entsteht nicht, wenn wir die Dummheit begehen, die Frauen auf Küche und Kochtopf zu beschränken. Die Natur hat beide Geschlechter gleichermaßen mit der Fähigkeit zu Wissenschaft und Kunst ausgestattet.« Auch im Zusammenhang mit der Französischen Revolution taucht der Begriff Feminismus auf und wurde 1793 im Prozess gegen Olymp de Gugeeh (1748-1793) gebraucht.

Frauen- und Geschlechterforscherinnen verorten den Begriff in ihren Werken in die 1880er Jahre. Hubertine Auclert (1848-1914), eine französische Suffragette, und ihre Mitstreiterinnen hätten ihn in der durch sie und andere Frauen zwischen 1881 und 1891 herausgegebenen Zeitschrift La Citoyenne (Die Staatsbürgerin) erstmals verwendet. Um ihre Bemühungen zur Durchsetzung von Fraueninteressen deutlich zu machen, setzten sie ihn als politische Leitidee gegen den vorherrschenden »Maskulinismus« der Dritten Republik in Frankreich.

Mit dem »feministischen Kongress«, den sie 1892 in Paris organisierten, wurde es üblich Feminismus und Maskulinismus gegeneinander zu setzen. Ute Gerhard (2009) spricht davon, dass sich seitdem der Begriff »wie ein Lauffeuer« in den Frauenbewegungen der westlichen Welt ausgebreitet habe und auch Karen Offen (1993) behauptet, dass er um die Jahrhundertwende »in fast ganz Europa« verwendet und dass schon damals über seine Definition debattiert worden sei.

Damals ging es dem später so bezeichneten »alten Feminismus« der Ersten Frauenbewegung vor allem um das Erreichen von Gleichberechtigung, indem die politischen und rechtlichen Ausschlüsse von Frauen aufgehoben werden sollten. Der »alte Feminismus« kann allerdings nicht umstandslos der Alten oder Ersten Frauenbewegung zugeordnet werden. »Feminismus« zeigt Gemeinsamkeiten und Trennungen zwischen verschiedenen Flügeln der Frauenbewegung auf.

Bereits die Zielstellung, durch Feminismus »Gleichheit« zu erlangen, wurde unterschiedlich ausgelegt: sahen die Einen darin ein egalitäres Konzept, so erhofften sich die Anderen die Anerkennung einer »natürlichen« Differenz zwischen Frauen und Männern. Daraus werden dann freilich auch unterschiedliche politische Konsequenzen gezogen. Besonders deutlich wurde die Diskrepanz durch die Spaltung zwischen bürgerlicher und proletarischer Frauenbewegung. Der Interessengegensatz zwischen Proletarierinnen und »Bourgeoisdamen« schien unüberwindlich.

Die Proletarierinnen sahen keine Gemeinsamkeiten mit »Frauenrechtlerinnen«, die das »große und verwickelte Problem der Frauenbefreiung nicht in seinen vielverzweigten sozialen Zusammenhängen erfassen, vielmehr aus den Interessen der bürgerlichen Gesellschaft betrachten« konnten (Zetkin 1958). Proletarische Frauen hätten sich zu dieser Zeit auch nicht als Feministinnen betrachtet.

Populär wurde der Begriff Feminismus in der Bundesrepublik und anderen westlichen Staaten durch die Neuen Frauenbewegungen der 1970er Jahre. Er diente als Label, unter dem »Frauen« als Geschlechtswesen aktiv wurden und sich gegen Diskriminierungen und Zumutungen zur Wehr setzten. Nach der Encyclopedia Britannica, einem bedeutenden englischsprachigem Wörterbuch, ist Feminismus der Glaube an die soziale, ökonomische und politische Gleichheit der Geschlechter. Nach dieser Definition könnte jeder Mensch Feminist sein.

Frauenbefreiung sollte allerdings neben der ökonomischen, rechtlichen, politischen und sozialen Ebene auch die »private« Ebene beinhalten. Der Weg zur Befreiung sollte autonom sein, das hieß selbstbestimmt und ohne Bevormundung von Parteien, Organisationen und Männern. Da die Erfahrung zeigte, dass in gemischtgeschlechtlichen Organisationen die Bevormundung und Unterdrückung reproduziert wurde, wurden eigene Frauenräume geschaffen, die die Anwesenheit von Männern ausschlössen.

Trotz der feministischen Bewegungen gibt es viele Männer und Frauen, die noch immer oder immer wieder der Meinung sind, dass Frauen und Männern jeweils ganz spezifische Rollen zugedacht sind, von Gott oder ihren Genen oder anderen höheren Mächten. Sie sind mit Sicherheit keine Feministinnen. Freilich reicht alleine der »Glaube« an die umfassende Gleichheit nicht. Es gilt ebenso die Ungleichheit anzuprangern und Maßnahmen zu ihrer Veränderung einzuläuten. Feministinnen waren in der Geschichte immer diskriminiert.

Und auch heute hat der Feminismus noch immer oder schon wieder keinen guten Klang. Die Medien entwerfen ein Bild vom Feminismus, das Feministinnen als Kinderhasserinnen in Geschäftsanzügen darstellt, die nur ihre eigene »Karriere« im Kopf haben und laufend mit anderen Frauen im Streit sind.

Theoretischer Anspruch.

Unter Feminismus werden Emanzipations-, Freiheits- und Gleichheitsbestrebungen von Frauen sowie das Eintreten von Frauen für ihre Rechte verstanden. Feminismus versteht die Unterdrückung der Frauen primär durch »die Aneignung der Sexualität zum Zwecke der Ausbeutung ihrer Reproduktionsfähigkeit durch den einzelnen Mann und / oder patriarchalische Institutionen« (Herrad Schenk 1992). Feminismus stellt die kapitalistisch-patriarchalisch geprägte Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft, die alle Menschen beschädigt, und die patriarchalen Geschlechterverhältnisse, die das Leben der Frauen beeinflussen, in den Mittelpunkt der Kritik und
entwickelt Handlungsstrategien zur Veränderung. Feminismus bezeichnet sowohl eine politische Theorie als auch eine soziale Bewegung und seit den 1970er und 1980er Jahren auch eine wissenschaftliche Disziplin. Im Verlauf der Geschichte wurden unterschiedliche feministische Konzepte entwickelt.

Gegnern der Frauenemanzipation diente der Begriff Feminismus oder die Bezeichnung Feministin zur Diffamierung jeglicher Frauenbewegungen, innerhalb der Bewegungen dienten sie zur Abgrenzung zwischen gemäßigten und konservativen und den »radikalen« Frauenrechtlerinnen. Vor allem aber zwischen sozialistischen und bürgerlichen Frauenbewegungen. Die Idee vom Zusammenschluss aller Frauen (unabhängig von Schicht, Klasse und Bildung) ist bis heute eine Schimäre.

»Wie käme ich dazu, meine ganz individuelle Veranlagung zum Maßstab der ganzen Frauenwelt zu machen? Damit verfiele ich ja in den Fehler der Frauen, die mit sich alle anderen Frauen identifizieren. Nein, die Frauen in ihrer Gesamtheit lassen sich nicht unter einen Hut bringen«, schrieb Hedwig Dohm bereits 1899.

Und Clara Zetkin wandte sich in der sozialistischen Frauenzeitung, Die Gleichheit, ein paar Jahre früher (1894) gegen eine »humanitätstrunkene Aller-weltsbasenschaft« zwischen Proletarierinnen und »Bourgeoisdamen.« Die unterschiedlichen Auffassungen wurden am ehesten im Kampf um das Frauenwahlrecht deutlich: Wollte die sozialdemokratisch geprägte Arbeiterinnenbewegung das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht für alle Männer und Frauen, so gab sich ein großer Teil der »Bürgerlichen«, wenn überhaupt, mit einem »beschränkten Frauenwahlrecht« zufrieden, das ihnen die gleichen Rechte wie ihren privilegierten Männern zubilligte, denn auch in Deutschland und insbesondere in Preußen, dem bei weitem größten Bundesstaat des Deutschen Reichs, hatten vor 1919 nicht einmal alle Männer die gleichen Rechte.

Heute wird in Deutschland der ersten, »alten« Frauenbewegung oft das Label »Gleichheitsfeminismus« aufgeklebt; während die zweite, »neue« Frauenbewegung als »Diffe-renzfeminismus« bezeichnet wird. So einfach ist das nicht. Unterschiedlich sind bereits die Gleichheitsvorstellungen verschiedener feministischer Richtungen: Die feministisch-bürgerlichen Bewegungen im neunzehnten und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gingen davon aus, dass die Gleichstellung der Geschlechter (entweder verstanden als Gleichberechtigung im Sinne von Egalität oder Ebenbürtigkeit oder als Gleichbewertung von Verschiedenem) innerhalb der bestehenden kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaft zu erreichen sei.

Die Sozialistische Frauenbewegung nahm eine klare Abgrenzung zu der Gleichstellungspolitik der bürgerlichen Frauenbewegungen vor, die die weibliche »Andersartigkeit« betonten, neue Gegensätze zwischen den Geschlechtern schürten und nicht bereit waren, den Kampf der Arbeiterinnen um volle soziale und menschliche Emanzipation zu unterstützen. »Die sozialistische Frauenbewegung Deutschlands«, so Ottilie Baader (1847-1925) beim Gründungs-kongress der Sozialistischen Fraueninternationale (Socialist International Women – SIW) im August 1907 in Stuttgart, sei »von der Überzeugung durchdrungen, dass die Frauenfrage ein Teil der sozialen Frage ist und nur zusammen mit ihr gelöst werden kann.« Ihr ging es um den »Kampf aller Ausgebeuteten ohne Unterschied des Geschlechts gegen alle Ausbeutenden, ebenfalls ohne Unterschied des Geschlechts«

mit dem Ziel der Ablösung der kapitalistischen Gesellschaft durch die sozialistische. Das ist ein Gesellschaftsentwurf, aus dem deutlich wird, dass die Utopie einer ebenbürtigen Teilhabe an der gesellschaftlichen Gestaltung nicht ohne grundlegende Veränderung der politischen und ökonomischen Machtverhältnisse zu erreichen ist. Daran waren die meisten »Bürgerlichen« nicht interessiert.

Wen wundert es allerdings, dass die proletarische Frauenbewegung aus den Reihen der »Arbeitsmänner« wenig Fürsprecher hatte? Schließlich wünschten sich auch viele »Arbeitsmänner« eine Hausfrau nach bürgerlichem Vorbild. Sie fürchteten die Selbständigkeit der Frau und kämpften lieber für einen Lohn, der es ihnen gestattete, Frauen und Kinder zu ernähren und der es ihren Frauen ermöglichen sollte, zu Hause zu bleiben:

»Es gibt Sozialisten, die der Frauenemanzipation nicht weniger abgeneigt gegenüber stehen, wie der Kapitalist dem Sozialismus« (zit. nach Zetkin 1958), schrieb August Bebel, einer der wichtigsten Wortführer der deutschen Arbeiterbewegung. Er gehörte allerdings nicht zu denjenigen, die, »sobald sie die Feder zur Frauenfrage ergreifen, fahrlässig auf einem Gedanken-Trödelmarkt« (Dohm 1902) umherbummelten und »alten Plunder, den sie irgendwo billig aufgelesen« haben, feilboten. Seine Schrift »Die Frau und der Sozialismus«, die 1879 erstmals erschien, wurde zum Standardwerk der sozialistischen Frauenbewegung und trug entscheidend zur Verbreitung des Gedankens der Notwendigkeit der Emanzipation der Frauen bei.

Anti-Feminismus ist bis heute eine stabile Grundhaltung, die alle Bevölkerungsschichten durchzieht. Es war die Feministin Hedwig Dohm (1831-1919), die die bis dahin ins bürgerliche Weltbild eingeschriebene Meinung von der naturgegebenen, da biologisch bedingten Überlegenheit des Mannes gegenüber der Frau, grundsätzlich analysierte und in ihren Schriften verarbeitete und kritisierte.

Im Gegensatz zur Mehrheit ihrer Mitstreiterinnen im bürgerlich-feministischen Lager beschränkte sie ihre Forderungen nicht auf einzelne Teilgebiete, insbesondere Bildung und Erwerbstätigkeit für Frauen, sondern betonte von Anfang an die Priorität einer generellen sozialen, politischen und zivilrechtlichen Gleichstellung der Geschlechter. Das war damals ungewöhnlich.

»Die französische Revolution emanzipierte den dritten Stand, die sozialistische Revolution unseres Zeitalters gilt dem vierten Stand, dem Proletariat. Die Revolution der Frauen will die Emanzipation der größeren Hälfte des Menschengeschlechts« (Dohm 1902). Sie schrieb das in ihrer Streitschrift »Die Antifeministen. Ein Buch der Verteidigung.« Nicht nur die weit verbreiteten »Herrenrechtler«, Antifeministen und Chauvinisten klagte sie an, sondern sie benannte die Frauen selbst als Komplizinnen bei der Aufrechterhaltung und Verfestigung der diskriminierenden Ordnung.

Wenn es den Männern um die Machtfrage ging, so ging es Frauen um die Überlebensfrage. Die Antifeministen teilte die Schriftstellerin in vier Gruppen: Die »Altgläubingen«, die keine Veränderung wollten und nach dem Grundsatz lebten: Weil es immer so war, muss es immer so bleiben. Die »Herrenrechtler«, die ihre eigene Schwäche vertuschen, indem sie ihre »Oberhoheit« betonen. Die »praktischen Egoisten«, die die Konkurrenz durch erwerbstätige Frauen fürchten und durch diese die häusliche Behaglichkeit zerstört sehen. Die Ritter der »mater dolorosa«, die sich als Schutzengel für die Frau aufspielten.

Antifeministische Zeitgenossinnen benannte sie mit ihren Namen. Es waren drei Merkmale, die Frauen als Antifeministinnen outeten: Frauen, die ihren eigenen Daseinszweck im Manne fanden; Frauen, die ihren Daseinszweck im Kind suchten oder fanden; und Frauen, für die »das Weib« etwas Selbsteigenes war, »das nur seine eigene Entwickelung sucht.« Da sich in jeder dieser drei Anschauungen »das Frauentum« anders spiegelt, folgert Dohm, dass »keiner von den dreien der Träger einer ewigen Wahrheit« sei.

Mein Fazit:

Ich habe ja schon des Öfteren das Partizipieren mit dem männlich dominierten kapitalistischen Gesellschaftssystem als kontraproduktiv moniert, weil es nicht uns Frauen, sondern nur den dominierenden Männern nützt. Und sinngemäß hat schon 1902 Hedwig Dohm in ihrem Buch die Antifeministen, genau das Gleiche moniert.

Sie benannte die Frauen selbst als Komplizinnen bei der Aufrechterhaltung und Verfestigung der diskriminierenden Ordnung. Und dasselbe können sich heutzutage auch die meisten Feministinnen an die Backe heften. Denn es ist schon absurd, dass von ihnen zu lesen ist, dass beispielsweise Karriere und Kind machbar ist. Oder andere glauben sogar, eine weibliche Religiösität im Christentum, entdeckt zu haben.

Da kann frau nur staunen, dass auch Feministinnen den Trick von Männern abkupfern, sich alles so zusammen zu monntieren, bis es ihrem Egoismus am besten schmeckt. Das von Männern erfundene Gesellschaftssystem basiert auf Ungleichheit, und kann folglich gar nicht mit Gleichheit funktionieren. Und da ein System nicht innerhalb desselbigen verändert werden kann, bleibt nur ein Neuanfang nach dessen Zerstörung übrig.

Über lucia

Anarchistische Feministin: Ein gleichberechtigtes menschenwürdiges Leben in Freiheit, ist für mich nur dann möglich, wenn es nichts mehr gibt, das über andere bestimmen kann.
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3 Antworten zu Feminismus: Kritisch betrachtet…

  1. BadHairDays schreibt:

    Leider ist es teilweise sehr schwer zu verstehen. Hast du auch ein Transscript?

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