Workout für die Klitoris

Mein Senf:
Wer mit der männlichen Hegemonie partizipiert, braucht sich über die negativen Folgen auch nicht beschweren.

"Aktionshose Genitalpanik" aus dem Jahr 1969: Verblüffend drastisch und nahezu ikonisch wirken heute die feministischen Kunstaktionen von Valie Export. Foto: Peter Hassmann

Von Andrea Roedig, DER STANDARD, Printausgabe 1./2.10.2011
Quelle: dieStandard

Wo ist die Sexualität geblieben?

Von den Forderungen des Feminismus sind heute nur noch jene nach mehr Kindergartenplätzen
und besseren Aufstiegschancen übrig.

Von „Working Mum“ Kate Reddy stammt der Satz, früher hätten die Frauen den Orgasmus gefakt, heute fakten sie per Fertigbackmischung die Kuchen. In den letzten Jahrzehnten hat das weibliche Geschlecht zwischen den Bettlaken einen nicht für möglich gehaltenen Sieg errungen. Frauen, so konstatiert beispielsweise der Sexualwissenschafter Volkmar Sigusch, hätten heute eher das Heft in der Hand und bestimmten in puncto Beischlaf, wo es langgeht.

Angesichts der nicht zu bezweifelnden Erfolge der sexuellen Befreiung der Frauen scheint es nicht verwunderlich, dass sich die öffentlichen feministischen Debatten, wenn es denn noch welche gibt, heute allerhöchstens um Karrierechancen, Kindererziehung und Kaufkraft drehen. Bezeichnend war beispielsweise die Debatte, die die ehemalige taz-Chefin Bascha Mika mit ihrem Buch Die Feigheit der Frauen im Frühjahr in den deutschen Feuilletons auslöste. Die aufgeregte Polemik gegen karriereflüchtige Latte-macchiato-Mütter drehte sich um das gegenwärtig einzig sensible Feld: Beruf, Erfolg, Selbstoptimierung und Macht.

So weit, so richtig. So weit, so eigenartig aber auch. Denn kann es wirklich sein, dass der berühmt-berüchtigte „Kampf der Geschlechter“ nichts mehr mit Sexualität zu tun hat? Und Sexualität nichts mehr mit Politik? Die Sache sieht zu glatt aus, es ist, als gäbe es da einen blinden Fleck oder etwas, das wir schlicht vergessen haben.

Der kleine Unterschied

In Alice Schwarzers Klassiker Der kleine Unterschied aus dem Jahr 1977 (siehe dazu: Interview mit Alice Schwarzer) findet sich die Aussage, dass „die Sexualität der Angelpunkt der Frauenfrage“ sei. Das war damals, 1977, Common Sense und klingt heute eher befremdlich. Aber warum eigentlich? Wie ist dem Feminismus auf dem Weg der letzten 40 Jahre das Thema Sex abhandengekommen? Feminismus war immer eine sexuelle Sache, auch wenn die allgemeine Öffentlichkeit ihn meistens wenig sexy fand. Fragen des Körpers und der sexuellen Selbstbestimmung gehören notwendig zu der rund 150 Jahre alten Geschichte der Frauenbewegung, schon früh gab es die Diskussionen um Sittlichkeit und Mutterschaft oder Prostitution und Abtreibung. Die Phase allerdings, in der Sex zum vorzüglichen Kampfinstrument wurde, zum Kern der Sache sozusagen, war vermutlich nur recht kurz.

Sie fällt zusammen mit der sogenannten zweiten Frauenbewegung, die im einzigartigen Klima der 1960er-Jahre entstand. Sexuelle Liberalisierung traf mit der beginnenden medialen Vermarktung von Frauenkörpern und der antiautoritären Studentenbewegung zusammen. Vielleicht war „Nacktheit“ damals die passende Metapher für eine Befreiung auch vom langen Nachkriegsschweigen, und so wurde nackter Sex zum Ort der Wahrheit. Eigenartig ist, wie sehr sich eine sexistische Attitüde damals durch alle Positionen von kritisch bis affirmativ zog. Der Protest von Studentinnen war genauso oben ohne wie die Covergirls des Stern, der überdies in gezeichneten Witzen Politiker auch gerne nackt darstellte, so war der Humor.

Im Nachhinein erschrickt man über beides, über die Naivität und die ungewaschene Radikalität dieser Zeit. Auch die Selbstdarstellung der Frauen, die endlich zu Akteurinnen ihres eigenen Körpers werden wollten, wirken von heute aus betrachtet verblüffend drastisch. Nahezu ikonisch sind die Bilder von Valie Export, die sich breitbeinig mit Maschinengewehr und entblößtem Geschlecht in Panikhosen präsentierte, Peter Weibel am Hundehalsband durch Wiens Straßen führte oder mit dem legendären Tapp- und Tastkino männliche Passanten aufforderte, ihr öffentlich an die Brüste zu fassen.

Feministische Kunst von damals hat etwas unerhört Massives und Schmerzhaftes, in ihrem sexualisierten Pathos reinszenierte sie erfahrene Verletzungen. Aus ihr sprach eine enorme Fühlbarkeit der Körper, die heute noch berührt, obwohl – oder auch weil – sie gegenwärtig so nicht mehr möglich wäre.

Von der Penetration aufs Patriachat schließen

Was die feministischen Aktionen der 1970er- und frühen 1980er-Jahre so mächtig macht, ist ihr Glaube an die Wahrheit des nackten Körpers. Die Geschlechterdifferenz galt als eine eindeutige und vornehmlich physiologische Tatsache, weswegen es nur logisch war, von der Penetration direkt aufs Patriarchat zu schließen.

Dieses naive Vertrauen in die natürliche Essenz des Geschlechts ist der Frauenbewegung – und der ganzen Gesellschaft – spätestens seit Mitte der 1980er-Jahre gründlich verlorengegangen. Was sich seitdem verändert hat, könnte man unter die Stichworte Aufklärung, Ausdifferenzierung, Artifizialisierung und Angst fassen.

Viele Forderungen der zweiten Frauenbewegung scheinen sich mittlerweile erübrigt zu haben. Die Bewegung führte zur Aufklärung vor allem über die Funktionsweisen weiblicher Sexualität, die sich als eine eigenständige Form neben der männlichen etablieren konnte und auf ihre Lust als Recht pochte. Zumindest theoretisch ist das so. In der Praxis bestehen, wie wir wissen, Prostitution, sexuelle Gewalt, Ausbeutung und Abhängigkeit trotzdem fort. Zugleich hat sich die Gesellschaft, was die möglichen Lebensstile und Rollenmuster angeht, auf beinahe unvorstellbare Weise liberalisiert. Es ist genauso möglich, verschiedene Stile von Männlichkeit und Weiblichkeit zu leben wie ausgefallene Familienmodelle. Homosexualität steht kaum mehr unter öffentlichem Tabu und genießt Rechtsschutz. Ein wichtiger Faktor in dieser Entwicklung war nicht die Politik, sondern die Logik des Konsums, die sich wenig um Inhalte und noch weniger um Moral schert. Dass Kaufkraft zum dominanten Gesellschaftsfaktor wurde, hat sich für etliche Gruppen, allen voran Homosexuelle, durchaus befreiend ausgewirkt.

Die Lage ist komplexer

Die Lage ist also komplexer geworden, das Denken verspielter und der Sex leichter und lustiger – er wird zur Komödie, wie das Geschlechterverhältnis selbst. Auch die feministische Theorie hat sich grundsätzlich verändert. Maßgeblich dafür waren vor allem die Ideen der amerikanischen Philosophin Judith Butler Anfang der 1990er-Jahre. In dem Klassiker Gender Trouble betrachtet sie Geschlecht und Sex radikal als eine kulturelle Performance, als eine Imitation, die gegebenenfalls durch Parodie auszuhebeln ist. Seither traut sich keine Feministin mehr, die Große Mutter oder das Matriarchat als Utopie anzurufen. Der feministisch-biologische Ernst ist unmöglich geworden. Stattdessen versuchen nun Heerscharen engagierter Kulturwissenschafter/-innen zu ergründen, ob die Serie Sex and the City nun ironisch subversiv sei oder doch nur alte Rollenklischees zementiere – der Unterschied ist nämlich nicht mehr so einfach auszumachen, und im Zweifel stimmt genau beides. Wo sich nicht so einfach sagen lässt, was Maskerade ist und was nicht, hat der Rigorismus keinen Platz mehr.

Es ist, als hätte sich der schwere, dunkle Klotz Sex in den westlichen Gesellschaften nach und nach wie in einem großen Wasserbecken aufgelöst. Er schwimmt, dispers in schillernden Partikeln über die gesamte Oberfläche verteilt, er ist überall und doch schlecht greifbar, omnipräsent und sehr flüchtig.

Die Entwicklung des Themas Sex im Feminismus spiegelt diesen Dispersionsprozess. Die Diskussion drehte sich seit den 1980er-Jahren einerseits um sexuelle Gewalt und Pornografie, andererseits genereller um den weiblichen Körper und Gesundheit. Die Forderungen nach „radical sexual politics“ und alternativen Formen der Sexualität wanderten in die Queer- und GenderStudies ab.

Generell aber hat sich das kräftige Lila in Rosa aufgelöst. Es herrscht die Lust an einer frechen Weiblichkeit, die zwar ihr Recht fordert, aber gleichzeitig die Geschlechterbilder von Mann und Frau nachhaltig bejaht. Im Jahr 2008 forderten die Publikationen Wir Alphamädchen und Neue deutsche Mädchen einen definitiven Generationenwechsel in Sachen Feminismus. In den Alphamädchen geht es viel um Sex und um die alten Themen: Kondom statt Pille, Abtreibungsrecht, Schönheitszwang. Die Autorinnen Meredith Haar, Susanne Klinger und Barbara Streidl arbeiten sich noch am alten Emanzenschreckbild ab und betonen, dass der runderneuerte Feminismus gemeinsam mit den Männern arbeite, dass er sexy sei und schön mache. Zentrale Begriffe im Text sind Spaß und „Knallersex“.

Hier kommt die Angst ins Spiel. Zwischen 1970 und dem Beginn des 21. Jahrhunderts haben Ernst und Spiel die Positionen getauscht. Vorbei ist es mit der großen Empörung übers Patriarchat – die Dinge sind zu komplex geworden, als dass sie in die klare Logik von Unterdrückung und Aufbegehren passen würden. Vorbei ist es aber auch mit einer bestimmten Form beherzter Libertinage. Der alte Feminismus hatte keine Angst, gegen Männer zu sein, er hatte keine Angst, hässlich zu wirken, er machte sich weniger Sorgen um beruflichen Erfolg und fürchtete sich offenbar nicht so sehr vor Geschlechtskrankheiten, wie das heute die Alphamädchen tun. Die nehmen zwar den Sex und auch die Männer nicht mehr so ernst, dafür aber die Gefahr des sozialen Abstiegs, der Erfolglosigkeit, des Alters und der Krankheit. Aus Neue deutsche Mädchen von Jana Hensel und Elisabeth Raeter spricht die Melancholie gegenwärtiger Liebesbeziehungen, in denen keiner der Verlierer sein darf. Unterm kecken Spaß riecht es nach Angst, beispielsweise jener, ein Opfer zu sein, und nach einer gewissen Disziplin der sexuell erfolgreichen Frau. „Knallersex“ klingt daher auch wie Workout für die Klitoris.

Die Angst im Spiel

Irgendetwas ist schief an der Kommunikation zwischen der Generation der alten und der neuen Feministinnen. Es ist, als tanzten die Kontrahentinnen um einen blinden Fleck, um ein Missverständnis, für das beide Seiten keine Sprache haben, oder als sei etwas „unbenennbar“, „desartikuliert“ worden, wie es die britische Kulturwissenschaftlerin Angela Mc Robbie zeigt. In ihrem 2010 auf Deutsch erschienenen Buch Top Girls, einer beeindruckenden Abrechnung mit dem Postfeminismus, spricht McRobbie von einer „doppelten Verquickung“. Die neuen Frauen müssten den Feminismus für tot erklären, um gleichzeitig seine Erfolge für sich in Anspruch nehmen zu können. Der Gewinn aber gelte nur für eine ganz bestimmte Gruppe, die Top-Girls eben, zumeist weiße aufstiegsbereite junge Frauen der Mittel- und Oberschicht.

Ihnen werde tatsächlich ein „neuer Geschlechtervertrag“ angeboten, der sexuelle Freiheiten, Kaufkraft, beruflichen Erfolg und mediale Sichtbarkeit beinhalte. Alleinerziehende Mütter aus der Arbeiterschicht, Migrantinnen, arbeitslose und alte Frauen fielen heraus aus dem Modell.

Spielt Sexualität eine Rolle?

Kann und soll nun Sexualität für Feminismus eine wesentliche Rolle spielen? Die gegenwärtige Welt ist beides, liberaler und prüder geworden, homosexualisierter und heterosexueller, offener und konventioneller. Der Aufweichung der Geschlechtsrollen auf der einen Seite entsprechen starke versichernde Inszenierungen der Geschlechterbilder als männlich oder weiblich auf der anderen. Auch Ernst und Spiel geben sich die Hand. Geschlechtlichkeit wird zwar als Inszenierung verstanden, aber gleichzeitig ist es ein Spiel mit klaren Regeln, an denen sich nur in Grenzen rütteln lässt. Die Geschlechterarrangements sind offen und unter der Hand doch starr geblieben.

Die unbequeme Rolle des Feminismus war immer, an diesen Arrangements zu rütteln, und Sexualität bleibt ein neuralgischer Punkt, ein Hebel, der das Geschlechterverhältnis auf den Kopf stellen könnte. Natürlich, die Idee, durch befreiten Sex auch die Welt zu retten, hat sich als falsch erwiesen, Sex als politisches Mittel wurde maßlos überschätzt. Und doch stimmt an dem heute befremdlichen Satz, Sexualität sei der „Angelpunkt der Frauenfrage“, doch mehr, als wir glauben wollen. Er birgt ein politisches Potenzial, das im Riss zwischen altem und neuem Feminismus offenbar vergessen oder unsichtbar wurde.

Eigenartigerweise rückt nun ausgerechnet Charlotte Roche das Thema wieder ins Zentrum. Denn obwohl sie sich als altbackene Neufeministin geriert und man die Schoßgebete als eine Ode an die weiblich heterosexuelle Fügsamkeit lesen könnte, ist Roche ungleich radikaler als ihre Kolleginnen. Dass sie Sex ernst nimmt und den Körper auf so penetrante Weise ins Zentrum stellt, ist dem Impuls des alten Feminismus näher, als sie selbst wahrhaben möchte.

„Sex haben wie ein Mann – ohne Gefühl“ ist ein berühmter Ausspruch von Samantha aus Sex and the City, der für sehr emanzipiert gilt und der den Alphamädchen bestens gefällt. In ihm fehlt allerdings mehr als die Hälfte. Wie wäre es, wenn Frauen selbstverständlich und mit Gefühl Sex hätten wie ein Mann, und wenn Männer selbstverständlich und mit Gefühl Sex haben könnten wie eine Frau – einmal so herum und dann auch wieder umgekehrt? Sexuelle Praktiken stellen über Körpersensationen Lust- und Machtkonstellationen her, und die Wette gilt: Solche Praktiken haben Einfluss auf die Quote, Karriere und auf Lebenssinnfragen generell. Eine Gesellschaft, in der die sexuellen Rollen wirklich rotierten, würde anders aussehen.

Die – alte – Forderung nach „anderem Sex“ war immer kontrovers, sie hat auch heute vermutlich noch mehr Sprengkraft, als den meisten lieb ist. Denn die vorhandenen Geschlechterarrangements sind – mit Bascha Mika zu reden – eine einzige Komfortzone, in der sich beide Geschlechter einrichten, um sich gegebenenfalls in die Schmollecken der Frauenzeitschriften und Stammtische zurückzuziehen, statt Macht und sexuelle Lust wirklich miteinander auszuhandeln. An dieser Komfortzone ließe sich immer noch trefflich rütteln.

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Über lucia

Anarchistische Feministin: Ein gleichberechtigtes menschenwürdiges Leben in Freiheit, ist für mich nur dann möglich, wenn es nichts mehr gibt, das über andere bestimmen kann.
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