Endlich kastriert: Mängelwesen Mann…

Aram Lintze ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Grünen-Bundestagsfraktion und freier Publizist in Berlin. Foto: privat

Kolumne von Aram Lintze – taz online

Wohl wegen des matriarchalischen Milieus, in dem ich aufwuchs, befand sich in der siebten Klasse auf meinem Mäppchen ein Button mit dem Slogan „Runter mit dem Männlichkeitswahn!“. Eine Weile schien es, als hätte sich diese antisexistische und protofeministische Forderung historisch erfüllt.

Gerade in diesen Wochen ist allerdings nicht zu übersehen, dass der Männlichkeitswahn als Männlichkeitskrise wiederkehrt und die Dauerproblematisierung von Männern, Vätern und Jungs selbst wahnhafte Züge annimmt.

Die gute alte Midlife Crisis scheint sich biografisch entgrenzt zu haben, persönliche Larmoyanz und öffentliche Krisendiagnose dürften sich dabei wechselseitig verstärken.

Eine Unzahl von Publikationen widmet sich jedenfalls rechtzeitig zur Herbstbuchmesse dem Mängelwesen Mann. Die Häufung von Büchern mit der entsprechenden Geschlechtsangabe im Titel ist augenfällig:

„Sprechende Männer: Das ehrlichste Buch der Welt“, „Die Männer-Bibel: Meditationen auf dem Weg zur Freiheit“, „Alles, was ein Mann können muss: Das Buch für alle Fälle“, „Mann sein für Anfänger“, „Neue Männer – muss das sein?“ usw. Vorboten dieser Konjunktur waren vor einigen Wochen ein Männerheft des Süddeutsche Zeitung-Magazins und ein Väterheft des Zeit-Magazins.

„Der Mann von heute muss sich gefallen lassen, dass er infrage gestellt wird“, hieß es im Editorial des SZ-Magazins, während Zeit-Magazin-Autor Matthias Kalle bei den neuen Vätern „Geschichten voller Selbstzweifel“ und „Hilflosigkeit“ vernahm.

Kleiner Mann

Problem, Problem: Kleiner Mann – was tun? Natürlich führt kein Weg zurück, weder zu einem regressiven, noch zu einem aufgeklärten Patriarchat. Der neue Männer/Väter-Diskurs bewegt sich auf dem Boden der Emanzipation, mehr oder weniger versteckt bringt er aber ein Leiden an den modernen Freiheiten zum Ausdruck: Wäre es nicht schön, wenn wieder alles geordnet wäre?

Die Sehnsucht nach klaren Konturen und Kompetenzen ist unüberhörbar, wenn etwa Matthias Kalle schreibt: „Mütter regulieren die Gefühlswelt der Kinder, Väter ermutigen.“

Zwanghaft ironisiert wird die ersehnte Eindeutigkeit in Büchern wie „Alles, was ein Mann können muss“ von Oliver Kuhn. Darin gibt es Tipps für den „weltgewandten Mann“, den „Gentleman“ oder auch den Mann, der „kämpfen und siegen“ will.

Ernster meint es das SZ-Magazin, wenn es prominente und semiprominente Frauen und Männer die Kernkompetenzen des neuen Vaters erklären lässt: Fahrradfahren beibringen, Bestrafen und Loben, bei der Studienwahl beraten etc.

Dikriminierungen und Zuteilungen

Was den neuen Männerdiskurs im Innersten zusammenhält, ist die Suche nach Entlastung für den angeblich verunsicherten und überforderten Mann. Wohlfeil wird die Veränderung der Rollenbilder anerkannt, um dann vom Mannsein zu retten, was zu retten ist. Ideologisch forsch versuchen das Matthias Franz und André Karger in dem gerade erschienenen Reader „Neue Männer – muss das sein?“.

Obwohl es sich bei den Herausgebern keineswegs um fundamentalistische Männerrechtler handelt, beschweren sie sich im Vorwort über „vielfältige Diskriminierungen“ und „diffamatorische Zuteilungen“.

Zugleich legen sie den heterosexistischen Kern aktueller Männerbilder offen: Den Jungs und Männern würden ihre „aggressiven Impulse“ durch ein „Erziehungsmatriarchat“ gewissermaßen abtrainiert, was nicht zuletzt sexuelle Unsicherheit zur Folge habe.

Gegen diese Erziehung zum Weicheiertum hilft offenbar nur die Renaturalisierung von Geschlechterrollen – jeder Identitätswandel stößt nach dieser Logik auf natürliche Grenzen.

Historische Täterrolle

Abgesichert wird diese Argumentation mit verschwurbelten Theorie-Eskapaden: „Jenseits der gängigen Zuschreibungen der dichotomen Kategorien von Täter und Opfer ist der neue Mann einer, der sich reflexiv zu seiner gewordenen historischen Täterrolle verhält und diese auf seine primäre Opferhaftigkeit zu beziehen vermag.

Im vorgängigen Riss der Existenz finden die Geschlechter ihren gemeinsamen spannungsreichen Nicht-Grund und entdecken ihre je eigene Verantwortung.“

Primäre Opferhaftigkeit?! Einfacher sagt es Walter Hollstein, der in seinem Beitrag zu dem Band sinngemäß behauptet, dass das „männliche Prinzip“ (!) von fiesen Feministinnen und flexiblen Karrierefrauen unterminiert würde, was bei den Männern „Selbsthass und Schuldgefühle“ verursache.

Mit anderen Worten: Der neue, immer noch weiße und heterosexuelle Krisenmann ist das Ergebnis einer schmerzvollen Kastration und deswegen auf der rastlosen Suche nach Vollständigkeit. Da der ganze Mann aber unerreichbar bleiben muss, werden wohl auch in Zukunft noch ganz viele neue Männerbücher erscheinen.

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Über lucia

Anarchistische Feministin: Ein gleichberechtigtes menschenwürdiges Leben in Freiheit, ist für mich nur dann möglich, wenn es nichts mehr gibt, das über andere bestimmen kann.
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