Die sexuelle Evolution

Wissenschaft-Online: Rezensent: Dr. Harald Luksch

Der menschliche Geist und sein materielles Substrat, das Gehirn, stellen eines der faszinierendsten Objekte wissenschaftlicher Forschung dar. Wie konnte sich ein so komplexes und energetisch kostspieliges Organ in der Evolution herausbilden? Kann die rapide Vergrößerung des Gehirns in der fossilen Hominidenreihe tatsächlich durch die natürliche Selektion erklärt werden, obwohl sie anscheinend erst lange nach der Erreichung „moderner“ Gehirngröße zur Entwicklung von beispielsweise besserem Werkzeug führte? Und welchen Überlebensvorteil bieten die spezifisch menschlichen Eigenschaften, die unsere Gehirne so gut beherrschen: Humor, Musik und Kunst, ja das Bewusstsein überhaupt?

Geoffrey Miller sieht einen Lösungsansatz in einem lange vernachlässigten Faktor der Evolution, der sexuellen Selektion. Obwohl Darwin der „geschlechtlichen Zuchtwahl“ einen vergleichbaren Einfluss wie der Umweltselektion einräumte, wurde sie in den Ausarbeitungen der Evolutionstheorie weitgehend übergangen (die Gründe dafür werden in einem historischen Abriss kurz dargelegt). Wie Miller zeigt, kann jedoch die gezielte weibliche Bevorzugung von männlichen Individuen mit größerer geistiger Leistungsfähigkeit die rapide Gehirnentwicklung erklären. Ein möglicher Grund für diese Bevorzugung ist, dass ein großes Gehirn ähnlich wie der prächtige Schwanz eines Pfauenhahns zuerst einmal ein Handicap für seinen Träger darstellt – es ist wesentlich schwerer, damit zu überleben. Andererseits zeigt aber genau das Überleben der Träger an, dass es um ihre genetische Fitness ausgezeichnet bestellt sein muss. Ein Hominidenweibchen, dass gute Fremdgene für den eigenen Nachwuchs beziehen will, sollte also Anzeiger für ein großes Gehirn bevorzugen – und solche könnten zum Beispiel Kreativität, Humor oder Phantasie sein.

Ausgehend von dieser Grundidee betrachtet Miller eine Fülle menschlicher Verhaltensweisen und diskutiert daran äußerst unterhaltsam, welche evolutionären Ursprünge altruistisches Verhalten, Münzfälschung, Sprache oder der Besitz von Geländewagen hat. Wenn auch einige der Erklärungen etwas konstruiert erscheinen, bietet das Buch doch ein Feuerwerk an Anregungen und Denkanstößen und ist darüber hinaus auch noch humor- und phantasievoll geschrieben. Wer sich näher über die Partnerwerbung im Pleistozän und deren evolutionäre Folgen informieren will, ist bei Miller bestens aufgehob

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Eine Antwort zu Die sexuelle Evolution

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